Kleininquisitor Joachim Gauck

Geschrieben von messitschbyburns am 11. November 2009 | Appenzeller, Birthler/Gauck


Pfarrer Gauck hat seine Memoiren veröffentlicht, und Gerd Appenzeller, beim Tagesspiegel neben Lehming und Casdorff für die Bösifizierung der DDR zuständig, springt vor Freude um den Schreibtisch: So ein schönes Buch! So ehrlich! Und so offen!

In einem Punkt ist Gauck wirklich offen. Am Beispiel Manfred Stolpe beschreibt Gauck das bis heute gültige, auch unter seiner Nachfolgerin Birthler gepflegte System des Beharrens auf ungeklärten IM-Biographien:

“Gauck räumt ein, dass die eigentlich Akte IM ‚Sekretär‘ nicht existiert, und zitiert dennoch aus einem Gutachten seiner Behörde aus dem Jahre 1992, dass Stolpe ‘nach den Maßstäben des Ministeriums für Staatssicherheit über einen Zeitraum von ca. 20 Jahren ein wichtiger IM im Bereich der Evangelischen Kirche der DDR war’.”

Wie intensiv auch immer Stolpe mit dem MfS gesprochen oder gekungelt hat — es gibt keine Akte. Für Gauck gilt er trotzdem als IM, auf Grund eines Gutachtens seiner (!) Behörde.

Wir wollen Stolpe nicht in Schutz nehmen. Seiner irren Politik des Wegduckens verdankt Brandenburg eine bis vor kurzem gedeihlich wachsende Neonazi-Szene. Daß aber Menschen durch Gauck und Birthler unwiderruflich als spitzelgeile Stasilumpen gebrandmarkt werden können, ist geradezu unheimlich. Ein Gegenbeweis ist ja gerade deshalb unmöglich, weil keine IM-Akte existiert. Ein unauflösbarer Teufelskreis.

Kennen Sie die Wasserprobe, liebe Leser? Im Spätmittelalter ließ man Menschen, die der Zauberei oder Hexerei verdächtigt wurden, an Armen und Beinen gefesselt ins kalte Wasser (eine Version mit heißem Wasser gab es auch; deren Ablauf schildern wir mit Rücksicht auf sensible Leser lieber nicht).

Ging der Mensch unter, konnte er vom Vorwurf der Hexerei freigesprochen werden. Schwamm er oben, galt dies als Hexenbeweis, und sein Vermögen gehörte dem Inquisitor. Doch was nützt es einem Menschen, freigesprochen, aber tot zu sein (wenn man ihn nicht schnell genug aus dem Wasser zieht)?

Gaucks Maxime “Keine IM-Akte zu haben heißt nicht, kein IM gewesen zu sein” ist die Wasserprobe des 21. Jahrhunderts. Denn ein als IM Verdächtigter kann seine Unschuld niemals beweisen. Es gibt keine Karteikarte, auf der vermerkt ist: “XY ist kein IM, gez. Erich Mielke.”

Und wenn es sie gäbe, hätte Pfarrer Gauck seine Gutachter beauftragt. Die Karte könnte ja gefälscht sein.

7 Kommentare ↓

#1 Cudddel am 11.11.09 um 14:59

Ja, die böse böse DDR. Die Ungleichung DDR = STASI = SED wird von so vielen Seiten kolportiert, bis das Gerücht wahr sein muss muss muss. Zum Beispiel heute morgen beim Frühstück:

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/politischesfeuilleton/1067270/

Schwupps, da kam das Brötchen wieder hoch. Mahlzeit dann.

#2 admin am 11.11.09 um 16:41

Boah, was ist das denn? Gleich mal nach Hans-Joachim Föller gegoogelt — et voilà:

http://www.matthias-biskupek.de/text/palmbaum-grenzen.html

Enjoy :))

#3 checker am 11.11.09 um 17:39

“für die Bösifizierung der DDR zuständig…..”
hm….ein Land, das um den Preis des eigenen Fortbestandes 16,6 millionen Bürger einsperren musste, kann per se doch nur “Böse” sein. Warum diese Ironie? Ich meine, es wäre doch für diese Page mal ne eine feine Sache, in die Runde zu fragen , was es denn wirklich “gutes” gab, an der DDR? Ich habe lange darüber nachgedacht, ich (Ossi, 41) finde nichts, absolut nichts. Der Fehler ist doch, das ein (untergegangenes) system permanent an einm bestehenden system gemessen wird. Dabei wird das Vergangene natürlich glorifiziert. Entschuldigung, für mich ist das Scheiße nach geschmack bewerten. Was hat das nun mit Gauck zu tun? Ganz einfach, mir ist es lieber, ein Gauck, der sicherlich ein stockkonservativer Kotzbrocken ist, räumt mit der DDR (…sorry, aber DDR ist nun mal STASI und SED…was denn sonst?) Geschichte auf, als unser aller Bundesgschichtsklitterer Guido Kotz….ääähh Knopp natürlich.

#4 g. haase am 11.11.09 um 18:38

Wer waren gleich noch mal die Ewig-Gestrigen?

Wahrscheinlich wurden in jeder Branche die zweite Reihe in den Osten geschickt. Die, die es im Westen nicht so richtig zu was gebracht haben; die aber wußten, welche Jobs und Posten da abzugreifen sind. Aber ich habe den Eindruck, so richtig schaffen sie es dann doch nicht, in die erste Reihe.

Grüße aus Leipzig

#5 Nemi am 11.11.09 um 19:23

@checker

Wo kommst Du denn her?
Wenn Du 41 Jahre alt bist , dann hast Du wohl Deine ersten 21 Lebensjahre NICHT im Osten verbracht.
Oder:Du hast im Osten als Politischer gesessen.

DDR=Stasi=SED?Und mehr nicht???

Das ist für mich Gleichmacherei vom Allerfeinsten;angesiedelt zwischen BILD und Unwissenheit.

#6 admin am 11.11.09 um 19:35

@ checker: “Bösifizierung” heißt, daß es auch 20 Jahre nach dem Mauerfall nicht möglich zu sein scheint, sachlich und neutral über den Osten zu schreiben. Die DDR muß böser sein als alles, was die deutsche Geschichte vor 1945 zu bieten hatte.

Je intensiver die Bundesregierung an der Totalüberwachung der Bundesbürger schraubt, um so dämonischer wird die z.B. Stasi aufgeblasen. Die Stasi war ganz sicher ein gottverdammter Dreckshaufen, der für sich allein schon abschreckend genug wirkt. Lächerlich wird die fortschreitende Über-Dämonisierung aber, wenn man bedenkt, wie kleinteilig und ineffizient die Stasi das Volk überwachte und wie großflächig und lückenlos die Bundesregierung heute, mit all ihren Diensten, jede Information speichern und gegen dich verwenden kann, die sie braucht. Dagegen waren die Sockenschnüffler, Briefeöffner und Handgelenktaschenträger der Stasi Amateure.

Wenn dann noch Leute wie Gauck die Stasi mit der Judenvernichtung gleichsetzen, ist das inzwischen Konsens: http://www.messitschbyburns.de/archives/706

Die öffentliche Gleichsetzung von Drittem Reich und DDR empört keinen mehr. Man hat sich daran gewöhnt.

Auf einer anderen Ebene funktioniert das noch besser. Schreibt jemand in den Mainstream-Medien über die DDR, sind Worte wie “grau”, “trist” und “miefig” Pflicht. Das findest du über keine andere Region Deutschlands, nicht mal über bettelarme, wirtschaftlich abgehängte Gegenden wie die Zonenrandgebiete oder Franken.

Wird in den Nachrichten ein Künstler aus Leipzig genannt, dann ist es “der ostdeutsche Künstler XY”. Bei einem Hamburger Künstler wäre es undenkbar, ihn als “westdeutschen Künstler XY” zu bezeichnen.

Die DDR (und auch die neuen Bundesländer) schrumpft in den Medien zu einem amorphen, schwarz-grauen Klumpen. Eine Differenzierung ist völlig ausgeschlossen, weil nicht gewollt und nicht gewünscht. Die DDR muß böse sein, für alle Zeiten.

#7 Cudddel am 11.11.09 um 20:53

@checker: Ich akzeptiere Deine Meinung und sage: Das ist nicht meine. Mir ist es schon wichtig, welche Scheiße besser schmeckt, um in Deinem Bild zu bleiben. Aber Guido “Jim” Knopf als Referenzhaufen daneben zu legen ist schon gemein.
Eine undifferenzierte Betrachtung der Geschichte, deren Protagonist, also in diesem Fall die Blinze Föller, so dumm daherquatscht, ist mir persönlich ein Dorn im Auge. Das sind einfach Schmerzen.
Eine Gegenfrage soll mir erlaubt sein: Ist das überlebende System besser? Die Mittel sind feienr, aber das Ergebnis (Volk hält die Fresse und guckt Tatort, Florian Brecheisen oder weiß der Geier) ist das gleiche. Es sagt sich: Meine Scheiße schmeckt toll! Nee danke.

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