Sonic Youth
“The Eternal”
(p) 2009, Matador/Be, Indigo

Egal welches Lied zufällig in die Gehörgänge gerät, es braucht nur wenige Sekunden, um zu wissen, dass sich da das Universum von Sonic Youth auftut. Sie nennen es 2009 die Ewigkeit, The Eternal. Es klingt wie nach Hause kommen, vertraut.
Ein wenig hatten wir sie aus den Ohren verloren, irgendwann vor zehn Jahren hörten wir auf, die Platten zu kaufen. Wenigstens die, auf denen Sonic Youth stand. Dafür haben wir Catpower entdeckt, was ja nix anders ist als eine der vielen Materialisierungen im Sonic-Youth-Kosmos. Unversehens waren wir in einer neuen Dekade. In einer, die den Plattenspieler zur Ablage von CD-Hüllen degradiert.
Sonic Youth aber haben wir immer nur von Vinyl gehört. Gestern haben wir den Staub vom Thorenz gepustet und Stunden vor dem HiFi-Schrank verbracht. Die Doppel-CD mit der Kerze und die wunderbare Erste, auf der das wundersame I dreamed I dream ist und die Band so sagenhaft uncool aussieht, dass wir uns wenigstens nachträglich keiner Hornbrille oder Strickjacke unser Jugend mehr schämen. Zu unserem Schaden kannten wir die Band 1982 noch nicht. Und sehen konnten wir sie sowieso erst zehn Jahre später. Ging nicht vorher.
Es war großartig! In unserer Erinnerung wechselte Thurston Moore für jedes Lied die Gitarre, immer eine neue, immer von einem der vielen Roadies auf der Bühne gestimmt. Keine Ahnung, warum das nicht mackermäßig, sondern eher slackermäßig wirkte. Vielleicht, weil der Rest der Band kaum den Verdacht aufkommen ließ, dass da ein Macker agiert. Was heißt Rest! Ohne Kim Gordon wäre Sonic Youth auch nur eine weitere Rockband auf dem Muckerplaneten. Mit ihr sind sie auch das und doch auch etwas mehr. Oder, Mädels?
Damals, 1992, sind wir nach dem Konzert in eine dieser Fotokabinen gegangen, die für ein paar Münzen vier Fotos ausspucken. Bis dahin gab es kein Foto von uns, auf dem wir je gelacht hätte, kein einziges! Zu behaupten, Sonic Youth hätten unser Leben verändert, wäre der Legende zu viel. Letztlich ist es das Selbst, dass Veränderung erwirkt und nicht das Leben als abstraktes außen begriffen, das verändert eingreift. Für solche Erkenntnisse sind role models hilfreich. Sonic Youth waren – gerade auch in ihrer Gruppenpräsentation – eines von nicht all zu vielen.
Dennoch – oder gerade deswegen – sind wir ihnen nicht in jede Mäanderung gefolgt. Die CD mit den Strickpuppen fanden wir noch (äußerlich) niedlich und durchaus hörbar. Wären wir ein Abspielgerät, könnten wir die gesamte Laufzeit auswendig wiedergeben, inkl. jeder Rückkopplungsschleife.
Wir sind aber kein elektronisches Gerät. Uns sind Ohren gegeben. Um mehr zu hören, auch anderes. Wir sind auf anderen und auf vielen (akustischen) Wegen gewandelt. Von manchem haben wir uns abgewandt, in anderes vertieft. Und beim letzten Umzug haben wir die Vinylplatten unsortiert in das Regal geschoben. Ja, wir sind älter geworden. Und glücklicher. Und haben kürzlich Kim Gordon wiedergesehen. Im besten Film aller Zeiten. Na gut: in dem besten Film der Filme, die das Leben, genauer die Leben eines Musiker behandeln. Für den Soundtrack haben Sonic Youth den Titelsong eingespielt. I’m not there – da waren sie wieder, da war er wieder, der Sonic Youth-Sound, den wir nie vergessen, aber sehr lange nicht mehr gehört haben.
Und dann die neue Platte. Wir haben sie auf Dauerrotation in unserem Computer eingestellt. Gleich der Anfang setzt uns Soundcluster vor, die in der nächsten Kurve zur typischen Spring-in-die-Luft-Rocknummer werden. Sobald sich der Kopf rhythmisch eingetaktet hat, erhebt Kim Gordon ihre Anti-Singstimme und artikuliert: I wish I could be music on a tree/Noise Nomads and me/Levitating on the ground/What’s it like to be a girl in a band? I don’t quite understand.
Großartig, oder? Das folgende Anti-Orgasm ist uns zu dumpf, schöner klingt das Zusammensein auf Leaky Liveboat, bei Antenna wissen wir nicht mehr, warum wir die ganze Jahre Sonic Youth nicht vermisst haben. What we know, mit dem sauber trockenem Schlagzeug am Anfang, ist zu kurz für eine Orgie, auch wenn es Anti-Orgasm zitiert. Yeah, that we know … ab dem zweiten Mal haben wir mitgesungen. Dann schauten wir nicht mehr auf die Plattenhülle, sondern lauschten nur noch klangergeben – und ja, erinnerungstrunken. Noise Meditation. Fast hätten wir uns an den Klangteppich gewöhnt, wenn da nicht plötzlich, dünn wie eine Rasierklingen (ja, wir wissen noch, wie Rasierklingen aussehen) und eindringlich wie eine solche, die Stimme von Kim Gordon aus den Boxen gedrungen wäre: Come with me to the other side/not everyone makes it out alive.
Ja, wir kommen. Sind schon unterwegs.
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