In der Halle der Dronekönige

Geschrieben von messitschbyburns am 26. Oktober 2009 | Sunn 0)))


Sunn 0)))
23. Oktober 2009
Berlin, Berghain

“Vielleicht zum letzten Mal spielten sie ihren Drone so pur wie 1998.” Das war unsere leise Ahnung nach dem Sunn O)))-Konzert im Mai diesen Jahres. Und zur aktuellen Platte Monoliths & Dimensions schrieben wir: “Wie dieses vielköpfige Opus auf der Bühne funktionieren soll, sofern es irgendwann zu Aufführung gelangt, wird uns trotzdem ein Rätsel bleiben.”

Das Rätsel bleibt ungelöst. Sunn O))) boten keine Liveversion von Monoliths & Dimensions — aber sie wiederholten auch nicht das Praterkonzert. Sie schufen etwas Neues, Größeres, Unfaßbareres.

Wir wissen nicht genau, was es war. Aber noch auf dem Sterbebett werden wir den Enkeln mit brüchiger Stimme ins Ohr flüstern, das wir am 23. Oktober 2009 etwas Einmaliges erleben durften, und unser letztes Wort wird sein: Sunn O))).

Stephen O’Malley und Greg Anderson luden sich Gäste ein: Attila Csihar (voc) und Steve Moore (keyb, trb), zwei alte Freunde, die auch auf Monoliths & Dimensions zu hören sind. Was diese vier präsentierten, kann man als Satanisches Oratorium umschreiben: eine neunzigminütige Folge fließend ineinander übergehender Drones und Feedbacks, begleitet von Moores Hammondorgel und Todesposaune, geführt von Csihars jenseitigem, entmenschlichtem Gesang. Volle neunzig Minuten, ohne eine Sekunde Pause.

Attila Csihar trat in zwei Kostümen auf. Zuerst als Mönch mit schrundiger Latexgesichtsmaske, später mit Kartoffelkopflatexmaske und einem Ganzkörperanzug, an dem große reflektierende Platten hingen. Auf dem Kopf trug er eine bizarre silbrige Erlöserkrone und an den Händen silbrige Handschuhe, aus deren vier Fingern blutrote Laserstrahlen schossen. Die Daumen blieben außer Betrieb.

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Zöge Attila Csihar sein Silberkostüm mit Jesuskrone und Strahlenfingern bei einem Casting für den nächsten Roland-Emmerich-Film an, er gewönne mit seiner Symbiose aus Jedi-Ritter, Chrysler Building und Mars Attacks mindestens eine Alienrolle.

Für Sunn O))) hätte es des Großeinkaufs im Bastelfachgeschäft nicht zwingend bedurft. Mit seiner Maskerade stört Csihar die meditative Grundkonstante von Sunn O))). Die Verhüllung der Bandmitglieder unter weitkapuzigen, tief ins Gesicht gezogenen Kutten, das Verschwinden der Musiker hinter einer größtenteils blickdichten Nebelwand, die völlige Konzentration auf den dröhnenden Gitarrenton und das Sichversenken im Mahlstrom tiefster Schwingungen werden von Csihars Clownerien konterkariert.

Dafür singt Csihar wie ein von Gott persönlich geformter Höllenhund. Csihars Stimme ist umfangreicher als die anderer Sänger. Er kann schreien, kreischen, knurren, brummen, keifen, jaulen, wimmern, plärren oder stöhnen und dabei mühelos von einem Extrem ins andere wechseln. In seiner Schlußperfomance, in der er in rasendem Tempo ein unmenschlich gellendes Gebet nach dem anderen herausbrüllt, wie ein zu Tode geängstigtes Fabelwesen, das mit dem Unterleib schon fest im Höllenfeuer steckt und dessen Oberkörper sich dagegen wehrt, gänzlich in die Schwärze der Verdammnis gezogen zu werden, hätten die Fensterscheiben zerspringen können.

Seine Grenzen offenbart er nur im Kehlgesang. Nach dem Vorbild des mongolischen Tieftongesangs, der in der westlichen Welt der Einfachheit halber zum Kehlgesang gerechnet wird, singt Csihar teilweise mehrstimmig. Das heißt, er versucht, mehrstimmig zu singen, und ein wenig klingt es auch wie einsamer Mönch in weiter Tundra. Wer aber jemals echte mongolische Kehlsänger hörte, lächelt milde über Csihars Bemühungen.

Die katholische Kirche erklärt Menschen, die sich mehrstimmig artikulieren, zu Besessenen, die exorziert gehören. Das könnte für Csihar ein Anlaß gewesen sein, den Tieftongesang zu trainieren. Denn der Katholizismus ist Csihars Lieblingsgegner.

Seine Texte sind antibiblische, antichristliche Litaneien. Er persifliert die katholische Liturgie, imitiert deren predigenden Singsang und beschwört das Böse, das Weltende, den Satan in uns. Man kann darüber lachen, doch eingebettet in die Drones von Sunn O))) wirkt es erhaben und mächtig. Csihar ist der Antichrist, der auf die Kirche spuckt.

Aus dieser Konstellation entwickelt sich für Sunn O))) eine völlig neue Qualität. O’Malley und Anderson kommunizierten mit Csihar, zogen sich minutenlang zurück, spielten leise, als gelte es, einen Gedichtvortrag zu untermalen, und warteten geduldig, bis der Höllensänger seine gemurmelten Anrufungen beendet hat. Hob Csihar seine Stimme an, schlugen sie wieder zu.

Natürlich blieben sie die Herren der Drones, die Sound-Berserker, die Prüfer menschlicher Trommelfelle. Traumwandlerisch fügten sie Drone an Drone, auf daß das Publikum mit offenem Munde in den Nebel glotzt, erschüttert und gerüttelt von den Wellen, die aus den Boxen fluten.

Denn was den Abend in den Status der Einmaligkeit erhebt, sind die Location Berghain, ein Technoclub, der 2004 in ein stillgelegtes Heizkraftwerk am Ostbahnhof einzog, und deren Soundanlage.

Die ca. 20 Meter hohe, ausgehöhlte Halle des 1954 in neoklassizistischer Nachkriegsarchitektur errichteten, damals die gesamte Stalin- und heutige Karl-Marx-Allee mit Wärme versorgenden Kraftwerks, halbierten die Veranstalter durch den Einbau einer Zwischenetage. Auf dieser Etage stehen Bühne und Lautsprecher — wobei man für die Lautsprecher des Berghain ein anderes Wort erfinden müßte. Vielleicht Schallkörper der Sonderklasse.

Man ist ja als zahlender Konzertbesucher maximalen Kummer gewöhnt. Kaum ein Veranstalter investiert in seine Technik. Neben den Bühnen hängen billige Lautsprecherimitate, und auf dem Mischpult sind die defekten Regler mit Heftpflaster arretiert. Nicht so im Berghain.

Hier stehen sechs Lautsprechertürme (Türme, keine Türmchen) auf dem Boden, über der Bühne hängen Lautsprecher, an den Wänden ebenfalls. Wir wissen nicht, welchen Fabrikats die Lautsprecher sind, aber wir denken, daß es ein gutes Fabrikat sein muß. Denn nie zuvor erlebten wir ein Konzert in dieser akustischen Qualität.

Die Wucht, die Sunn O))) im Prater und drei Jahre zuvor in der Volksbühne freisetzten, wurde im Berghain vervielfacht. Es gab Momente, da wehte ein Wind über unsere Arme. Die Haare richteten sich auf und vibrierten, als wären sie ein reifes Ährenfeld, das sich in der Brise wiegt. Der Wind kam aus den Lautsprechern. Es war der Bass.

Es gab Momente, da schien uns, als zögen sich Herz, Lunge, Magen, Darm, Leber und Milz zu einem schwarzen Klumpen zusammen, als schrumpften sie auf Kirschkerngröße und würden schwerer und schwerer, zu Materie mit dem Gewicht von zehn Sonnenmassen und der Dichte eines schwarzen Lochs. Es war der Bass.

Wir legten die Hand sacht auf eine gläserne Trennwand, die den Saal vom Tresen trennte. Die Scheiben vibrierten nicht, sie hüpften. Es war der Bass.

Wir wanderten durch den Raum und entdeckten Stellen, an denen die Schallwellen der Lautsprecher optimal reflektiert wurden. Dort knickten uns die Kniekehlen ein, und die Hosenbeine flatterten im Wind. Es war der Bass.

Wie exzellent die Soundanlage des Berghain ist, spürten wir selbst nach dem Konzert.

Im Prater standen wir ohne Ohrstöpsel im Parkett und waren anschließend einige Stunden taub. Wir schworen, beim nächsten Mal die Ohren zu schonen — und vergaßen prompt, die Stöpsel einzupacken. Im Gegensatz zum Prater wurden auch keine Ohrstöpsel am Eingang verteilt. Wir fürchteten das Schlimmste — grundlos. Trotz extremer Lautstärke, hirnspaltender Bässe und Attila Csihars höchstfrequentem Geschrei blieben die Ohren intakt. Kein Rauschen, kein Summen, kein Wattegefühl. So muß eine gute Soundanlage sein.

Das Berghain dürfte der einzige Ort sein, an dem Sunn O))) ihrem Ideal sehr nahe kommen, Musik körperlich spürbar zu machen, in einer Form, die den Zuschauer glauben läßt, die Schallwellen materialisierten sich, würden ihn umzüngeln, nach ihm greifen, sich auf seiner Haut entlang tasten, ihn packen und rütteln und schütteln.

Auch, wenn es verdammt pathetisch klingt: Wir sind sehr froh, dabeigewesen zu sein.

7 Kommentare ↓

#1 svenni242 am 26.10.09 um 10:20

Das Shrike!

#2 Philipp R am 26.10.09 um 14:34

schöne grüße an die drone-gemeinde! die boxen im berghain sind von der englischen firma funktion one maßangefertigt und extra fürs berghain eingestellt. kostenpunkt, man munkelt, über 1 mio euro!

#3 admin am 26.10.09 um 15:37

Wow, danke! Aber der Preis ist es wert. Kein Wunder, daß das Berghain zum besten Technoclub der Welt gewählt wurde.

#4 g. haase am 28.10.09 um 12:39

Ganz großes Kino in Leipzig

Einen Tag später waren sie in Leipzig, im UT Connewitz. Da wurde nicht mit Lasern hantiert, sondern mit alten (modrigen?) Kartoffelsäcken und Zweigen. Der Sänger wurde eingewickelt, mit alten Ästen bestückt und so auf die Bühne geschickt. Auch die Trief- und Klitsch-Schleim-Maske sollte sicher PÖSE PÖSE aussehen, aber ein klein bißchen lächerlich war es dann doch. Ganz ganz großes Kino aber, wie gesagt. Der Posaunist konnte auch hörbar nicht Posaune spielen, die Keyboards, auf die er drückte, gingen im Brei unter. Die Tatsache, das der Mann am Mixer eine russische Schappka trug, machte den Sound auch nicht besser. Aber laut wars. Die Hosenbeine flattereten im Bass-Wind - was will man mehr verlangen?

GvH

#5 admin am 28.10.09 um 14:10

In Berlin waren Posaune und Keyboards gut zu hören. Es ist wirklich erstaunlich, wie sehr Konzerte von den technischen Gegebenheiten abhängen.

Bei Neurosis war es umgekehrt: Ein Hammerkonzert in Leipzig:
http://www.messitschbyburns.de/archives/334

… und ein grauenvoller Mulm in Berlin:
http://www.messitschbyburns.de/archives/699

Das Berghain ist sicher eine Ausnahme. Eine solche Anlage kann man von einem normalen Tourveranstalter nicht verlangen :)

#6 g. haase am 28.12.09 um 13:42

Nachtrag:

Hier hat mal jemand das Konzert im UT Connewitz beschrieben:

http://www.persona-non-grata.de/2009/10/26/last-baumlein-standing-sunn-o-waren-in-der-stadt/

GvH

#7 admin am 28.12.09 um 14:54

@ haase: Kommentar Nr. 5 trifft’s am besten.

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