Rammstein
“Liebe ist für alle da”
(p) 2009, Universal

Ende der Fahnenstange. Rammstein drehen sich im Kreis, seit Jahren. Doch irgendwann ist’s gut.
Alles ist ausgereizt. Das ewige Spiel mit Tabus, der eindimensionale Gesang, selbst das rollende “R”, eine Marotte, die schon nach der dritten Platte in eine angestrengte Manie umschlug.
Dabei beginnt Liebe ist für alle da überraschend frisch. Der Eröffnungssong Rammlied ist ein genialer Schachzug. Paul Landers und Richard Kruspe prügeln ihre Gitarren wie Rammstein at it’s best: brachial, laut und böse. Dazu baut Till Lindemann seinen Text um zwei clever abgewandeltete Zitate:
Der legendäre Begrüßungssong Super Drei der Ärzte (”Ja, wir sind zurück, und es riecht nach Urin. Wir sind die Ärzte — aus Berlin”) wird als Rammstein-Comeback weitergesponnen: “Wer wartet mit Besonnenheit, der wird belohnt zur rechten Zeit. Nun, das Warten hat ein Ende, leiht euer Ohr einer Legende.”
Ein paar Zeilen weiter spuckt Lindemann den Kritikern aggressiv ins Gesicht: Rammstein sind Laibach für Doofe? Bitte sehr, könnt ihr haben: “Ein Weg, ein Ziel, ein Motiv: Rammstein. Eine Richtung, ein Gefühl, aus Fleisch und Blut ein Kollektiv.”
Das ist ein nur leicht variiertes Zitat aus Laibachs legendärem Song Geburt einer Nation. Lindemann krächzt die Worte selbstbewußt, er imitiert sogar Laibachs gebrochenes Deutsch, ganz ohne opernhaftes Chargieren und rollendes “R”.
Geburt einer Nation meets Rammlied, Laibach meets Rammstein — was hätte das für eine Platte werden können.
Doch schon im zweiten Song ziehen Rammstein ganz schnell den Schwanz ein. Ich tu dir weh ist gefälliger deutscher Schunkelrock. Übel.
Hier beginnt das gleiche Trauerspiel wie eh und jeh: Rammstein haben Angst vor der eigenen Courage. Sie starten stark, ziehen sich aber sofort zu massenkompatiblem Allerwelts-Metal zurück.
Unter Marketingaspekten ist dieser Kleinmut verständlich. Mit Schunkelmetal kann man auch die Fans erfolgreicher Placebos wie Within Temptation einsacken. Die Kasse dankt.
In Waidmanns Heil wird noch mal aufgemuckt. Der wohl auf die Bühnenwirkung komponierte Song mit der fein tarierten Pause zwischen den Worten “Die Kreatur muß” und “sterben!”, in der das Publikum kurz Luftholen kann, bevor es kollektiv “Sterben!” brüllt, donnert und rumpelt wie ein Truck, dessen Tempomat bei 130 km/h eingefroren ist. Hier deutet sich an, wohin Rammsteins Reise gehen könnte: Zum Stadionrock.
Nach Waidmanns Heil stürzen Rammstein gleich doppelt ab.
Haifisch ist Rummelsnuff. Man muß nicht lange nach Ausflüchten suchen; Rammstein haben Rummelsnuff brav und bieder kopiert und mit dem Rammstein-typischen, symphonischen Refrain verknüpft.
Noch ärgerlicher ist der Haifisch-Text. Rammstein weinen sich über ihre Ablehnung im deutschen Feuilleton aus. Du liebe Güte.
Haifisch ist nicht der erste Song, in dem sich Rammstein zu erklären versuchen. Sie erreichen damit nichts, überhaupt nichts. Die Front der Verachtung steht. Für die Masse deutscher Kritiker jenseits weniger Metalblätter sind Rammstein Nazis, Pseudo-Nazis oder ostzonale Primitivlinge. Die eklatante Fehlentscheidung des Managements, kurz vor Veröffentlichung der Platte Flake und Paul Landers auf Interview-Tour zu schicken und die beiden Burschen in gewohnt liebenswürdiger, aber völlig kontraproduktiver Offenheit über Rammstein sprechen zu lassen, flankiert diesen Song.
Rammstein können sich nicht erklären. Jedes Interview ist müsig. Die Feindseligkeit der Mainstreammedien wird niemals aufgebrochen, und kein Interview bringt auch nur eine einzige zusätzlich verkaufte Platte. Die Tour im Dezember 2009 war rasend schnell ausverkauft, lange, bevor die neue CD in den Läden stand. Rammsteins Fanbasis ist groß und stark, die muß nicht im Feuilleton umgarnt werden.
Die stetig wiederkehrende Selbstrechtfertigung läßt die Souveränität der Band zerbröseln. Für Rammstein kann nur gelten: Der Papst gibt keine Interviews.
In B******** (gesungen: Bückstabü) bedient sich Lindemann offenbar des Themas Kindesmißbrauch. Lindemann scheint hier testen zu wollen, wann der Zensor zuschlägt. Er schlüpft in die Rolle des Pädophilen, der seine Befriedigung in der Entjungferung eines Kindes sucht. Alter und Geschlecht werden nicht genannt, es bleibt im Vagen, wer seine Unschuld verlieren soll. Das ist altbackener, verstaubter, mit wagnerianischen Bläserhorden dämonisch inszenierter Kitsch aus der Rammstein-Kiste.
Doch Hoffnung naht. In Frühling in Paris, einer Version der pubertären Pickelproblematik “Ich war 16 und sie 31″, entwickelt die Band einen Breitwandpomp wie beim alten Westernhagen, als der sich noch als Messias der Freiheit feiern ließ. Lindemann vergißt seine Vorliebe für Stacheldraht in Harnröhren und textet ein kleines Liebeslied mit französischen Einsprengseln (“Non je ne regrète rien”).
Es funktioniert. Zu Beginn wird eine zarte Melodie auf der Akustik-Gitarre gespielt, die sich voluminös steigert, nach allen Seiten und in alle Dimensionen ausbreitet. Unterstützt von zehntausend Streichern, endlosen Synthesizer-Flächen und einer imitierten Großraum-Balalaika läßt Lindemann den Frühling in Paris bluten (ganz ohne Blut geht’s eben nicht). Das ist Stadionrock. Die Scorpions müssen sich warm anziehen.
Dann folgt Rammsteins Krönung.
Wiener Blut ist der perfekteste Song der Platte, in jeder Beziehung. Am Anfang extrem klaustrophobisch, mit düster quietschenden Effekten wie bei Peter Gabriel. Wer genügend Phantasie besitzt, kann in ihnen das Glucksen und Gurgeln eines Babys erkennen.
Lindemann singt über den Wiener Inzest-Fall Fritzl. Die Band formt eine Atmosphäre der Angst, die in den Worten kulminiert: “Seid ihr bereit? Seid ihr soweit? Willkommen — in der Dunkelheit!”
Dann bricht das Rammstein-Inferno los. Man staunt, wozu die Band noch fähig ist. Zwar hat man auch hier das Gefühl, daß der Song mit kalkulierten Pausen auf Bühnenshowtauglichkeit gepusht wurde: “Seid ihr bereit? Jaaaaaaaa! Seid ihr soweit? Jaaaaaaa!” Aber wenn’s funktioniert, ist’s okay. Stadionrock hat seine eigenen Gesetze.
Pussy, der Aufreger der Saison, leitet die Resterampe ein. Ein hammerblödes, schlecht gedrehtes und noch schlechter geschnittenes Video sorgte bekanntlich für moralische Entrüstung im Spätsommerloch. Erstaunlich, mit welch simplen Mitteln man das deutsche Feuilleton an den Eiern packen kann.
Das Video war vermutlich sündhaft teuer, ist aber keine 3,50 wert. Daß sich die Band für einen derart uninspirierten Quark mit Darstellerinnen der Porno-D-Klasse hergibt, ist bedenklich. Wenn es unbedingt ein Porno sein soll, dann wäre Jenna Jameson die Mindest-Meßlatte, um sprachlich im Milieu zu bleiben. Rammstein haben sich für ein unwitziges, laienhaftes Amateurtheater verschleudert (oder verschleudern lassen): Onkel und Tante mach’n Porno auf’m Sofa, Kamera läuft: Nu zeich ma’, wie geil de bist, Muddi!
Der Song ist nicht wesentlich intelligenter. Eine Ohrwurmmelodie, ein Refrain für die Massen und ein leicht anzüglicher Text. Nichts, was Rammstein unbedingt auf den Nägeln brennen sollte. Stadionrock für Hellersdorfer Pornobräute und die gesamte Brandenburger Landjugend. Hier werden sich blausträhnchengetönte Mackertussen gegenseitig angrinsen, ansingen und abklatschen und dabei mit den Hüften in der Luft kopulieren. Für vier Minuten fühlen sie sich verflucht verrucht und schwenken ihre Feuerzeuge und Handydisplays. Zu Hause wartet dann der Dildo.
Den Rest der Platte kann man ausblenden.
Der Titelsong Liebe ist für alle da klingt wie Industrial meets Gothic. Rammstein haben ja immer mal wieder Industrial-Anwandlungen, aber wenn sie eines ganz sicher nicht sind, dann eine Industrialband.
Mehr könnte ein Schubladensong früherer Produktionen sein. Rammstein-typisches Sägen und Hämmern mit überlangem theatralischen Finale, aber kein Vergleich zu Wiener Blut und Rammlied.
Der sehr getragene, mit leichtem Altherren-Pathos inszenierte Schlußsong Roter Sand entläßt den Hörer in Andacht und Stille. Großes Orchester, wattiertes Schlagwerk und ein gutmütiges Ilse-Werner-Pfeifen besänftigen den aufgeregten Rammstein-Fan. Lindemann beschreibt hier seinen eigenen Duell-Tod. Dieses Thema wäre also auch abgehakt.
Nicht grundlos sprachen wir mehrmals vom Stadionrock. Für Rammstein mag das wie ein Sakrileg erscheinen. Doch wenn es mit der Band irgendwie weitergehen soll, muß sie sich entscheiden, ob in vier Jahren wieder das Lexikon der Perversionen durchblättert werden soll, um den immer gleichen Schnodder wiederzukäuen, oder ob Rammstein dort anknüpfen, wo sie das enge Korsett wenigstens musikalisch abgelegt und ihren Stil weiterentwickelt haben. Und das ist — einmal muß es noch geschrieben werden — der Stadionrock.
1 Kommentar ↓
Jetzt erst sind RAMMSTEIN also da, wo LAIBACH schon 1984/85 waren? Dann muß also bald mal die Platte mit den Beatles- und Stones-Verarbeitungen kommen. Vielleicht schreiben ja der “Guardian” oder UNCUT mal was Positives …
Gelassen wartende Grüße vom Haasen
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