Superlativ²

Geschrieben von messitschbyburns am 02. November 2009 | Massive Attack


Massive Attack
30. Oktober 2009
Berlin, Tempodrom

Spektakulär.

Die Musik, der Sound, die Band, die Show, das Licht, die Stimmung — spektakulär. Man müßte 10.000 mal “Thank you” auf eine Tapete schreiben, die Tapete zusammenrollen und an Massive Attack schicken. Mit der Aufschrift: “Come back soon!”

Wenn es dunkel wird im Saal, huschen drei Gestalten auf die Bühne und beginnen zu spielen. Dann noch zwei Musiker. Sie hängen sich ihre Instrumente um, und die Tourband ist komplett: Gitarre, Baß, Keyboard und zwei Schlagzeuger.

Sie spielen ihren Eröffnungssong, gut gelaunt und kraftvoll, und plötzlich schleichen sich ein sehr großer schwarzer und ein nicht so großer weißer Mann auf die Bühne: Grant Marshall und Robert Del Naja. Das Tempodrom wird vom ersten Orkanjubelbeben erschüttert.

Mit der lässigsten Eleganz der Welt tänzelt Grant Marshall, genannt “Daddy G”, seitwärts auf die Bühne. Wie ein Backgroundsänger, der bescheiden seinen markierten Platz im Hintergrund sucht, aber vom Sound schon infiziert ist. Ein beeindruckender Mann, groß und schlank, stilsicher in eine Jacke aus feinem schwarzen Leder gekleidet, die Haare zu kurzen Tentakeln geflochten.

Er tanzt sehr lange am rechten Bühnenrand, nähert sich gemächlich dem Mikrofon, wartet auf seinen Einsatz — und dann sprechsingt er mit dieser unfaßbar warmen, tiefen Stimme, die Frauen zum Blitzorgasmus und Männer zur spontanen sexuellen Orientierungslosigkeit führen kann.

Robert Del Naja, Künstlername “3D”, ist klein und drahtig, trägt Bürstenfrisur, Dreitagebart und eine funktionale Flugpiloten-Phantasiejacke mit Goldlitze an den Ärmeln. Auf der Bühne ist Del Naja der hochenergetische Kontrapart zu Grant Marshall, der hypermotorische Flummi, der sich körperlich mehr verausgabt, stimmlich aber die gleiche Coolness pflegt: Lässig sprechen, weniger singen. Beide haben ihre Wurzeln schließlich im Hip Hop, den sie zum relaxten, souligen Trip Hop dimmten.

Im Rücken der Band sind über die gesamte Bühnenbreite zehn LED-Leisten übereinander montiert, wie ein Bretterzaun. Hinter der LED-Wand stehen die Scheinwerfer. Ihre Lichtkegel werden durch die Leisten geteilt; das Licht muß sich durch die Schlitze zwängen und wird in Bündel schmaler Strahlen gespalten. Die Idee ist simpel, der Effekt grandios.

Das Licht ist klar und rein. Die Farben wirken so faszinierend, als hätte sie ein Lasertechniker unter staubfreien Bedingungen an Bord der ISS für Massive Attack entwickelt. Und obwohl das nicht die erste Lichtshow ist, die wir erleben, staunt man immer wieder, welch emotionale Wallungen die Kombination aus elektrischen Glühfäden und bunten Filtern hervorrufen können:

Am Ende von Teadrop tasten sich dutzende Lichtstrahlen zum holzverschalten Himmel des Tempodroms. Schmale, warmgoldene Lichtbündel, die sich auf dem Holz zu Punkten formen. Die Strahlen wandern abwärts; die Punkte folgen leicht verzerrt: Tränen, die vom Himmel tropfen.

Da klappt die Kinnlade nicht mehr zu, und die Pärchen rutschen dicht zusammen.

Die visuellen Effekte sind eine Klasse für sich. Doch bei aller Gefühligkeit: Massive Attack sind eine hochpolitische Band.

Liebe Eltern, die ihr eure Kinder 1991 zu Unfinished Sympathy und Safe From Harm oder 1994 zu Karmacoma zeugtet: Das war kein Kuschel-Hop. Angeblich hören Embryonen Mamas liebste Musik selbst im lauten Getöse der Fruchtblase; noch angeblicher werden sie von Mamas liebster Musik fürs Leben geprägt. Glaubt man diesem pränatalen Voodoo, dann habt ihr, liebe Eltern, Revolutionäre im Geist von Liberté, Égalité, Fraternité gezeugt. Oder wenigstens keine FDP-Wähler.

Die LED-Leisten feuerten Botschaften in den Saal, die an Eindeutigkeit nicht zu übertreffen waren — und die manche Songs in einen Kontext stellten, den der unvorbereitete Konsument tapfer verkraften mußte. So hat er seine Lieblingssongs wohl noch nie betrachtet. Und er kann nicht sagen, er würde nicht verstehen, was da geschrieben stand. Massive Attack übersetzen alle Laufschriften in die Landessprachen.

In 16 Seeter rattern riesige Zahlen mit buchhalterischer Nüchternheit über die Wand. Eine Summe nach der anderen wird aufgelistet, von zwei Dollar bis zu Kolonnen mit ganz vielen Nullen, bei denen man nicht mehr weiß, ob es noch Milliarden oder schon Billionen sind. Man liest die Kosten für einen Sozialarbeiter in Afrika (sehr preiswert) oder für den mit Diamanten besetzten Totenschädel des britischen Künstlers Damien Hirst (sehr teuer). Alles hat seinen Wert, nur die Relationen sind verschieden.

Zu Babel lassen Massive Attack dutzende Zitate aus Verhörprotokollen über die LED-Wand laufen. Nur Bruchstücke und Satzfetzen, ohne zeitliche und lokale Zuordnung, aber aussagekräftig genug, um die Verhörmethoden herauszulesen. Ob in Guantánamo, Abu Ghreib oder anderswo, wird nicht erklärt und ist auch unerheblich. Folter gehört weltweit Tagesgeschäft. Massive Attack erinnern daran.

Bei Safe From Harm leuchten im Dreisekundentakt Sprüche aus dem politisch-philosophischen Weltkulturerbe auf. Forderungen nach Freiheit, nach Einführung (oder Einhaltung) der Menschenrechte und gegen Sklaverei und Unterdrückung, aufgeschrieben u.a. von Aristoteles, Thomas Jefferson, Johann Wolfgang von Goethe, Jean-Jacques Rousseau, Michail Bakunin, Alexis de Tocqueville, César Chávez, Desmond Tutu, Nelson Mandela und Rosa Luxemburg. Auch daran erinnern Massive Attack.

Inertia Creeps benutzen sie als Kommentar zu Großbritannien: drohende Einführung des Personalausweises, uferlose Videoüberwachung trotz eingestandener Ineffektivität bei der Verbrechensbekämpfung, weitere Ausdehnung der Überwachung und Bespitzelung für die Olympischen Spiele 2012 in London (u.a. Überwachungskameras in privaten Wohnräumen). Über die LED-Wand laufen sinnfreie Sätze wie “Ditta van Teese wäre gern eine Hund”. Darauf folgen Zahlen und Statistiken der Abhörer und Überwacher. Denn auch ein per SMS oder im Internet dahingeplappertes Gerücht über Ditta van Teese, vielleicht als Scherz gemeint, wird gespeichert. Alles kann gegen jeden verwendet werden.

Die ganz große Kunst von Massive Attack besteht darin, sich von ihren politischen Statements nicht erdrücken zu lassen. Die Band ruft nicht zur Revolution auf. Sie seziert lediglich kühl den Istzustand der politischen Welt. Die richtigen Schlüsse möge der Hörer selbst ziehen.

Im Mittelpunkt von Massive Attack steht noch immer die Musik. Die war schon immer superb (selbst die oft geschmähte CD 100th Window schwebt sternenweit über dem Popdurchschnitt dieser Welt). Doch die Qualität, mit der Massive Attack ihre Songs im Tempodrom präsentierten, läßt den sterblichen Zuschauer an paranormale Erscheinungen glauben.

Wenn Sie, liebe Leser, ein Gefühl für den phänomenalen Livesound haben möchten, dann hören Sie sich Angel oder Inertia Creeps in gottgefälliger Lautstärke an (oder unter Kopfhörern, falls Ihr Nachbar ein gehörsensibler Carmen-Nebel-Fan ist). Achten Sie auf jedes Ticken, jedes Klacken, jedes Zischen, jedes Echo. Im Konzert hören Sie es genau so — live gespielt, nicht vom Datenträger im DJ-Pult abgerufen.

Die Musik ist — abgesehen von den Keyboards und Sequenzern — reine Handarbeit. Ein echter Gitarrist spielt echte Soli. Der legendäre Baß wummert aus dem Baßverstärker eines lebenden Bassisten. Auch die beiden Schlagzeuger sind kein Produkt eitler Spinnerei. Während der eine präzise trommelt, bedient der andere nicht minder perfekt die Perkussion. Sie ergänzen sich wie Zwillinge, die wechselseitig ihre Gedanken lesen können. Und jedes noch so kleine Schlagwerkplingen ist im Bühnensound zu hören.

Kein Konzert (und keine Platte) von Massive Attack ohne Gastsänger. Auf der neuen CD sollen gerüchteweise Tunde Adebimpe (TV On The Radio), Damon Albarn (Blur), Guy Garvey (Elbow), Hope Sandoval und Martina Topley-Bird singen. Und natürlich the one and only Horace Andy.

Der große jamaikanische Reggae-Sänger gehört zu Massive Attack wie der Collie Herb in Andys Tüte. Horace Andy ist die Stimme von Spying Glass, Five Man Army oder Angel, einem der größten Songs der Band.

Jah sei Dank, Horace Andy war dabei. Er tippelte langsam auf die Bühne, etwas wacklig auf den Beinen. Grant Marshall griff ihm unter die Arme, behutsam und sehr ehrfürchtig. Auf dem Kopf trug Horace Andy eine gewaltige rote Stoffmelone mit Krempe, wie ein hohler Kürbis, unter den er 100 Quadratmeter Rastalocken packen könnte. Er stand als kleines freundliches Männchen hinter dem Mikrofon, mit hochgezogenen Schultern. Er wartete auf seinen Einsatz, und dann sang er in seinem wundervoll vibrierenden Falsett: “You are my angel, come from way above, to bring me love …”

Martina Topley-Bird übernahm einen Teil der weiblichen Gesangsparts. Praktischerweise trat sie mit der Martina Topley-Bird Band im Vorprogramm auf. Die Band bestand aus Martina Topley-Bird und einem wirklich begnadeten Schlagzeuger, dessen Gesicht man sich leider nicht merken konnte.

Er steckte in einer schwarze Kombi und hatte eine Haßkappe mit schmalem Augenschlitz über den Kopf gezogen. In diesem Outfit sah er wie ein pakistanischer Selbstmordattentäter aus und trommelte, als wolle er sich wirklich in die Luft sprengen. Er trommelte auf allem, worauf er trommeln konnte, mit Stöcken oder bloßen Händen. Martina Topley-Bird spielte mit blutfarben geschminkter Stirn am Klavinett und sang dazu. Sie trug ein bordeauxrotes, bodenlanges Ballerinakleid und zwirbelte ihre Haare zur King-Buzzo-Frisur. Falls Ihnen, liebe Leser, der Name des Melvins-Chefs King Buzzo nichts sagt: Seine sehr dichten, sehr feinen Afro-Locken sehen aus, als säße unter seiner Hirnschale ein 380-Volt-Generator. Bei den Simpsons pflegt Sideshow Bob die gleiche Sturmfrisur. Martina Topley-Bird ist die dritte Person in dieser exklusiven Runde. Ihr Vorband-Auftritt war optisch skuril und musikalisch kein bißchen nervend. Das schreiben wir als eingefleischte Vorbandhasser; Sie können uns also glauben, liebe Leser.

Auch bei Massive Attack tappelte Martina Topley-Bird wie eine Zaren-Zofe im roten Kleid über die Bühne. Für Teardrop streifte sie zusätzlich einen rotgolden Kimono über das Wallekleid und sang das Sehnsuchtslied mit ähnlich lolitahafter Süße wie einst Elizabeth Fraser. Etwas energischer und weniger elegisch zwar, aber nicht minder brillant. Ihre Stimme hat schon Tricky beeindruckt, der vor lauter Begeisterung ein Kind mit ihr zeugte, und Josh Homme und Mark Lanegan, jeweils ohne Kind, aber mit freundlicher Unterstützung für ihre Plattenproduktion.

Und dann stand da plötzlich eine zweite Sängerin. Eine kleine schwarze Frau mit einer Stimme, die man mindestens bis nach Potsdam hören sollte, wenn diese Frau auf dem Dach des Reichstags singen würde. Die kleine Frau sang u.a. zwei Hymnen: Safe From Harm und Unfinished Sympathy. Diese Massive-Attack-Edelsteine wurden im Original von der allseits verehrten Shara Nelson gesungen. Das ist die Frau, die im Video zu Unfinished Sympathy über den West Pico Boulevard in Los Angeles läuft, immer geradeaus, ohne Absperrungen für die Dreharbeiten und ohne Filmschnitt.

Wir können nicht beschwören, daß wirklich Shara Nelson auf der Bühne stand. Die kleine Frau mit der großen Stimme, die schon 1991 proper war, scheint sich körperlich noch mehr ausgedehnt zu haben. Sie war für uns partout nicht zu erkennen. Egal, die Stimme dieser Frau war traumhaft. Dieses Volumen! Diese Tiefe! Diese Wucht! Das muß eigentlich Shara Nelson gewesen sein. Vielleicht werden wir es irgendwann erfahren. [inzwischen wir, daß es Deborah Miller war — danke, Ritchie]

Der Albtraum vieler Konzertbesucher sind Touren zur neuen CD. Eine Band muß neue Songs promoten, die Fans wollen die alten Hits hören, und so quälen sich beide Seiten über die Runden. Keine Spur davon bei Massive Attack. Die Stücke der für 2010 angekündigten fünften Platte paßten derart organisch und bruchlos zwischen das frühere Material, daß wir sagen können: Wir haben uns keine Sekunde gelangweilt. In all den Jahren ist uns das bei Promo-Touren noch nie passiert.

Was für ein Feuerwerk war z.B. Marakesh! Gefühlte zehn Minuten stand man im flutenden Licht vor einer Soundwand, aus der sich eine Kirchenorgel schälte, während die LED-Leisten eine sich drehende 3D-Weltkugel modellierten, mit skizzierten Linien interkontinentaler Flüge und einem kompletten Abflugpanel. Robert Del Naja sang seinen Part, dann hörte man Tablas und immer noch die Orgel. Man starrte auf die Weltkugel, die plötzlich auf Tennisballgröße schrumpfte, aus dem ein zuckendes Lichtinferno wuchs, das für Sekundenbruchteile die Logos von Großkonzernen aufblitzen ließ: Nike, AT&T, Bayer, Nestlé, Apple, Shell, McDonald’s, Intel, Audi, Gazprom und das IOC, eingebettet in Nationalflaggen. Die Globalisierungsgewinner teilen die Erde unter sich auf.

Als schmächtiger Schattenmann hüpfte Robert Del Naja vor diesem elektronischen Pranger, mit dem Rücken zum Publikum. Er schlug seine Arme in die Luft, zuckte und boxte in Richtung der Lichtblitze, bis zum letzten Ton der hypnotischen, immer wiederkehrenden Orgel-Trance. Es sah aus, wolle er jedes einzelne Logo mit seinen Fäusten zerschmettern.

Marakesh könnte ein Highlight der neuen Platte werden.

Ob Massive Attack die Songs im Studio so hart und elektrisch produzierten (es heißt, sie seien schon fertig und müssen nur noch verkauft werden) wie in ihren Liveversionen, wird man sehen. Die EP Splitting The Atom, die nur als Download zu erwerben ist, deutet nicht darauf hin; andererseits wäre es kein Drama. Nach diesem Konzert kann man die fünfte Platte blind kaufen.

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Robert Del Naja

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Grant Marshall

Die Setlist, wie immer ohne Gewähr:

  • Bulletproof Love (Splitting The Atom EP)
  • Heartcliff Star (*)
  • Babel (*)
  • 16 Seeter (*)
  • Risingson (Mezzanine)
  • Red Light (*)
  • Futureproof (100th Window)
  • Teardrop (Mezzanine)
  • Psyche (Splitting The Atom EP)
  • Mezzanine (Mezzanine)
  • Angel (Mezzanine)
  • Safe From Harm (Blue Lines)
  • Inertia Creeps (Mezzanine)
  • Splitting The Atom (Splitting The Atom EP)
  • Unfinished Sympathy (Blue Lines)
  • Marakesh (*)
  • Karmacoma (Protection)

(*) von der angekündigten fünften CD.

Fotos (c) by Massive Attack

2 Kommentare ↓

#1 Ritchie am 02.11.09 um 13:07

Sehr guter Konzertrückblick! Schön geschrieben. Alles zieht nochmal am geistigen Auge/Ohr vorbei. Ja, das Konzert war ein Hammer! Wir waren (direkt vor der Bühne) völlig begeistert. Die zweite Sängerin (Safe From Harm, Unfinished Sympathy) war Deborah Miller. Was für eine Stimme! Wahnsinn!

#2 admin am 02.11.09 um 15:24

Danke, an Deborah Miller hatte ich überhaupt nicht gedacht. Manchmal sieht man den Wald vor lauter tollen Stimmen nicht :)

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