Die Kunst des Weglassens (7)

Geschrieben von messitschbyburns am 04. November 2009 | Die Kunst des Weglassens


Bert Hoppe dummbeutelt sich wieder durch die jüngere Geschichte. Im Januar 2009 gurkte er mit einer wilden Maueröffnungsphantasie durch die Presse, so abstrus und wirr, daß man ihm das Köpfchen tätscheln und einen Beruhigungskeks spendieren mochte.

Bevor das Gedenkjahr zur deutschen Einheit leise verröchelt, spinnt sich Hoppe noch mal richtig aus. Diesmal über Staatsbankrott und Auslandsschulden.

Zur Außenverschuldung der DDR schreibt Hoppe:

“Im Herbst 1989 beliefen sich die Schulden der DDR im Westen auf 38 Milliarden Westmark.”

Westmark, wie niedlich. Vermutlich meint Hoppe D-Mark.

Ende 1989 war die DDR mit 32,3 Mrd. DM im Westen verschuldet. 32,3 Mrd., nicht 38 Mrd.

Den Schulden standen Guthaben in Höhe von 17,9 Mrd. DM gegenüber. Zieht man diese Guthaben ab, bleiben ganze 14,4 Mrd. DM Schulden übrig.

Berücksichtigt man der Vollständigkeit halber das kumulierte Passiv-Saldo im Innerdeutschen Handel (IDH) in Höhe von 4 Mrd. DM und addiert es zu den Schulden, ergibt sich ein Gesamtdefizit von 18,4 Mrd. DM.

Hoppe schrieb 38 Mrd. DM.

Die Verschuldung der DDR ist nicht auf den Pfennig genau bezifferbar. Eine DDR-Bilanz wurde nie erstellt, weder von der Treuhand noch von der Bundesregierung. Nehmen wir zur Sicherheit die Zahlen der Deutschen Bundesbank, die der DDR-Beschönigung unverdächtig sein sollte.

Die Bundesbank errechnete für 1989 19,9 Mrd. DM Schulden1. Auch das sind immer noch schlappe 18,1 Mrd. DM weniger, als von Hoppe behauptet.

Hoppes kleines Zahlenbömbchen ist geplatzt. Andere Zahlen fehlen — zum Beispiel zur Entwicklung der Außenverschuldung der DDR bis 1989. Stieg sie, sank sie?

Die Bruttoverschuldung stieg tatsächlich von 27,8 Mrd. DM (1981) auf 32,3 Mrd. DM (1989). Gleichzeitig häufte aber die DDR Guthaben an: von 5 Mrd. DM (1981) auf 17,9 Mrd. DM 1989. Dadurch sank die gesamte Nettoverschuldung (ohne IDH) von 22,8 Mrd. DM (1981) auf 14,4 Mrd. DM (1989). Auch unter Berücksichtigung des IDH war das Gesamtdefizit rückläufig (26,5 Mrd. DM zu 18,4 Mrd. DM).

Für einen Winzstaat wie die DDR beachtlich, bei Hoppe nicht der Rede wert. Er bastelt lieber an der Geschichte von der Zahlungsunfähigkeit:

“Die DDR [erwirtschaftete] nicht einmal genug Devisen […], um die Zinsen für die Westkredite zu bezahlen.”

Nun ja.

Die DDR bediente bis zum letzten Tag ihrer Existenz alle Rückzahlungsverpflichtungen pünktlich, inklusive der Zinsen. Andernfalls wäre tatsächlich der Staatsbankrott die Folge gewesen, wie 1995 in Mexiko oder 1998 in Russland, wo nur noch IWF-Kredite den Zusammenbruch vermeiden konnten.

Zeitweise zahlungsunfähig waren Polen, Ungarn und Rumänien. Ungarn stand Anfang der 80er Jahre unter IWF-Kuratel. Hoppes Leser erfahren davon nichts. Statt dessen bemüht er die berühmten Strauß-Kredite als Zeichen des bevorstehenden Zusammenbruchs der DDR:

“Es gehört zu den besonderen Ironien der Geschichte, dass ausgerechnet der bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß die DDR vor dem finanziellen Zusammenbruch bewahrte, indem er der ostdeutschen Führung zwei Milliardenkredite vermittelte, die deren Kreditwürdigkeit wiederherstellten.”

Mit dem Zusammenbruch ist das so eine Sache. 1983 hatte die DDR ihre Zahlungsbilanz konsolidiert. Keine guten Voraussetzungen für einen Zusammenbruch. Das hätte Hoppe im o.a. Bericht der Bundesbank lesen können:

“Den Verantwortlichen in der DDR [ist es] nach dem Beginn der achtziger Jahre relativ schnell gelungen, ein respektables Liquiditätspolster aufzubauen. Ende 1981 betrugen die Forderungen (Guthaben) gegenüber dem NSW noch 3,2 Mrd. Valutamark, bis Ende 1985 waren sie auf 30,2 Mrd. VM angewachsen. Sie setzten sich zum großen Teil aus Guthaben der DDR-Banken, daneben aus Handelskrediten der Unternehmen sowie in relativ geringem Umfang aus Regierungskrediten zusammen […] Ende 1989 lagen sie immerhin noch bei 29 Mrd. VM und deckten 59,3 % der Verschuldung ab. Das Verhältnis der Auslandsaktiva zu den Importen belief sich auf 158 %, das heißt sie entsprachen den Einfuhren 1 ½ Jahren.“

Will man seine Legenden glaubhaft machen, braucht man einen Kronzeugen. Schabowski steht für ökonomische Fragen nicht zur Verfügung. Doch es gibt ja den beliebten Schürer-Bericht. Gerhard Schürer berichtete am 31. Oktober 1989 im Politbüro über die wirtschaftliche Situation der DDR. Und welcher Augenzeuge des Bankrotts wäre glaubwürdiger als der Vorsitzende der Staatlichen Plankommission?

“Die DDR stand erneut vor der Zahlungsunfähigkeit und im Politbüro diskutierte man am 31. Oktober die verbliebenen Alternativen […] ‘Allein ein Stoppen der Verschuldung’, so führten Schürer und Schalck-Golodkowki im Politbüro aus, ‘würde im Jahre 1990 eine Senkung des Lebensstandards um 25 bis 30 Prozent erfordern und die DDR unregierbar machen.’”

Das klingt dramatisch. Doch Hoppe vergißt den zweiten Teil der Schürer-Story. Gerhard Schürer gestand später ein, am 31. Oktober 1989 falsche Zahlen genannt zu haben:

“‘Die Auslandsverschuldung der DDR war mit 20,3 Milliarden DM um mehr als die Hälfte niedriger, als wir es im Oktober 1989 mit den 49 Milliarden Valutamark […] ausweisen mussten’, korrigierte Gerhard Schürer später selbst sein irritierendes bzw. desinformierendes ‘Geheimpapier’.”

Und noch etwas ist Hoppe entfallen: Die Verschuldung beider deutscher Staaten zum Zeitpunkt der Währungsunion.

Am 1. Juli 1990 wurden die Gesamtschulden der DDR (Inland und Ausland) mit 86,3 Mrd. DM beziffert, die der BRD mit 924 Mrd. DM. Die Schuldenlast der Bundesrepublik hatte sich zwischen 1980 und 1990 — also lange vor den vereinigungsbedingten Ausgaben — verdoppelt.

Die Pro-Kopf-Verschuldung der DDR-Bürger betrug 5.298 DM, die der Bundesbürger 16.586 DM. Nach der Vereinigung wurden die Schulden gesamtdeutsch verteilt: 12.841 DM je Bürger.

Jeder DDR-Bürger übernahm 7.543 DM Altschulden West.

Ist Hoppe nicht ein süßer Fratz? Er braucht wohl mehr als einen Keks.

  1. Sonderbericht der Bundesbank: “Die Zahlungsbilanz der DDR von 1975 bis 1989″, veröffentlicht 1999 []

2 Kommentare ↓

#1 Andreas am 04.11.09 um 13:12

Ja, die berühmte, völlig bankrotte DDR kontra “Blühende Landschaften”, von denen erst gestern SPIEGELonline nicht ohne Stolz im Ton berichtete, daß sie schon in 12 Jahren Realität sein könnten. Wohlgemerkt 12 Jahre von heute an gerechnet! Also nach gerade einmal 31 Jahren Toitonischer Einheit! Wenn DAS keine Leistung dieses haushoch überlegenen Wirtschaftssystemes ist!
Da zeigten sich sogar die “Experten” des IW Köln völlig platt, daß das SOOOO schnell kommen wird! Damit konnte keiner rechnen!:

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,658964,00.html

Apropos Statistik, und gut passend zum Thema der Schürer-Lüge, die heute in der öffentlichen Diskussion als unwiderlegbarer, und vor allem fast einziger Beweis für den defacto-Staatsbankrott der DDR herhalten muß:
Ich habe eine ganze Weile suchen müssen, um einen Beleg für mein im Kopf gespeichertes Faktenwissen im Netz zu finden (!!). Ich hatte nämlich in Erinnerung, daß eine Studie in den 90ern den ultimativen Beweis erbringen sollte, wie kaputt die DDR tatsächlich war, und wie toll die inzwischen erreichten Fortschritte in Neufünfland doch seien. Und das Ganze hochwissenschaftlich und basierend auf ungefälschten Daten.

Als sich jedoch im DIW (im Gegensatz zum IW kein reiner Arbeitgeber-Lobbyverein) abzuzeichnen begann, daß die Ergebnisse so gar nicht ins Bild passen wollten, drehte das Wirtschaftsministerium dem ermittelnden Institut einfach den Geldhahn zu. Die Studie wurde nie fertig und die gesammelten Erkenntnisse blieben unveröffentlicht. Bis heute hat Schürer also das letzte Wort behalten. Und hier nun ist meine Kronzeugin: Daniela Dahn:

http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/themen/Globalisierung/dahn.html

Zitat aus ihrer Dankesrede zur Verleihung des Ludwig-Börne-Preises:

“Eigenwillig Ding mit so einer Assoziationskette. Anknüpfungspunkt: Zensur schickt sich nicht mehr, in unseren tabulosen Zeiten. Heute werden nicht Textstellen, sondern Finanzmittel gestrichen. Es gehört zu meiner Arbeitsmethode, solche Behauptungen nicht bloß in den Raum zu stellen, sondern sie mit anschaulichen Fällen zu bekleiden. Wozu sich allerdings Bücher besser eignen als Dankesreden. Daher nur eine Erinnerung, die mir nach Börnes Rezept im hoffentlich rechten Moment durch den Kopf geht: Anfang der 90er Jahre hatte ich gute Kontakte zum Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, weil dort ein Projekt lief, das mich interessierte. Man arbeitete an einer Umrechnungsformel von Ost- in Westmark, von Nationaleinkommen in Bruttosozialprodukt, um so eine Basis für die Vergleichbarkeit von Wirtschaftskraft am Ende der DDR und den erwarteten Fortschritten zu haben. Die These vom nur um Haaresbreite vermiedenen wirtschaftlichen Kollaps der DDR galt bis dahin als stabiles Fundament für die Legende, nach der es keine Alternativen gab. Als sich im Institut herausstellte, dass sich das Bild von der völlig bankrotten Zonenwirtschaft schwerlich aufrecht erhalten lassen würde und sich statt dessen das Desaster der gegen jede ökonomische Vernunft organisierten Einheit abzeichnete, wurde die Fortsetzung der laufenden Forschung vom Wirtschaftsministerium durch Streichung der bereits eingeplanten Mittel verhindert. An unseren Vergleichszahlen war die Politik nicht interessiert, hörte ich von den frustrierten Wissenschaftlern. 1994 wurde auch noch die getrennte Rechnungsführung im innerdeutschen Warenverkehr eingestellt, aus der ersichtlich geworden war, dass vierzig Prozent des Verbrauchs im Beitrittsgebiet von draußen finanziert werden muss. Eine dramatische, ja in der Weltgeschichte einmalige Disproportion. Spätestens da konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, das Abschaffen einer aussagefähigen Statistik zur Unzeit und das Wort Verdunkelung kämen gut miteinander aus.”

Die Textstelle findet sich etwa in der Mitte ihrer Rede.
Keine Fragen mehr, Euer Ehren!

#2 admin am 04.11.09 um 16:28

Danke für die Ergänzung.

Hoppe war übrigens bis 2004 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-Universität Berlin bei Heinrich August Winkler.

H.A.W. gehört zu jenen Historikern, die die DDR gern mit dem Dritten Reich vergleichen (nicht gleichsetzen, darauf legt er großen Wert). In der heutigen Ausgabe des Tagesspiegels schreibt H.A.W. zu Platzecks SED-SS-Analogie:

“Wenn man NS-Staat und DDR konsequent vergleicht, fällt als ein wesentlicher Unterschied auf, dass Hitlers Herrschaft bis zum Ende des sogenannten ‘Dritten Reiches’ einen massenhaften Rückhalt hatte. Dagegen konnte sich die SED immer nur auf eine Minderheit stützen.

Nach 1945 gab es folglich keine realistische Alternative dazu, den weniger belasteten ehemaligen Nationalsozialisten eine zweite Chance zu geben. Andernfalls wäre ein riesiges Reservoire an unzufriedenen, sich diskriminiert fühlenden Menschen entstanden, die Adressaten rechtsradikaler Parteien geworden wären.”

Das heißt: Die weniger belasteten Globkes, Flicks, Krupps, Schachts, Speers, die Nazigeneräle, die Bankiers der NSDAP (z.B. Dresdner Bank), die KZ-Ärzte und die Fußtruppen der Wehrmacht und SS in ihren Traditionsverbänden und der HIAG mußten eine zweite Chance erhalten.

Weiter schreibt H.A.W.:

“In der ehemaligen DDR gab es nach 1990 aber sehr wohl personelle Alternativen zur Weiterbeschäftigung belasteter Kräfte.”

http://www.tagesspiegel.de/magazin/wissen/Heinrich-August-Winkler-Matthias-Platzeck-Waffen-SS;art304,2940405

Die Alternativen wurden mit Buschgeld entlohnt.

In der universitären (buschgeldlosen) Welt hieß eine dieser Alternativen Heinrich August Winkler, bis 1991 Professor in Freiburg im Breisgau, ab 1991 Lehrstuhlinhaber für Neueste Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Mein Kommentar: