Vor acht Tagen fragten wir uns, ob Till Lindemann testen will, wann der Zensor zuschlägt. Ohne es zu ahnen, war da der Zensor längst aktiv. Vorgestern fällte er sein Urteil: Die CD “Liebe ist für alle da” ist ab sofort indiziert.
Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen persönlich hat dafür gesorgt. Sie beantragte die Indizierung bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM). Innerhalb kürzester Zeit kam die BPjM dem Wunsch der Ministerin nach. Ursula von der Leyen ist ihre Dienstherrin.
Die Indizierung bedeutet:
- Verkauf nur an Personen ab 18 Jahren
- Verkauf nur auf ausdrückliches Verlangen des Kunden
- Verbot der Ein- und Ausfuhr der CD (damit ist kein Kauf im Ausland möglich)
- Verbot des Online- oder sonstigen Versandhandels (amazon.de bietet die CD allerdings noch an)
- Absolutes Werbeverbot
Überraschenderweise wurde nicht der Song B******** zum Zensurauslöser, wie wir vermuteten. Frau von der Leyen fühlte sich von drei anderen Dingen provoziert:
1.
Ein Foto im Booklet, auf dem Richard Kruspe eine Frau auf seinen Knien hält:

Für Ursula von der Leyen ist dies eine jugendgefährdende Darstellung von S/M-Praktiken. Heilige Einfalt.
2.
Der Text des Songs Pussy. Er fordere die deutsche Jugend zu zügellosem Sex ohne Kondome auf. In Zeiten von Aids sei das unverantwortlich (außer, man ist Papst).
Wer in diesem Text eine Zeile entdeckt, in der Rammstein ihre Hörer zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr motivieren, darf sich selbst eine Schachtel Fromms schenken. Wir fanden sie nicht:
To big, to small
Size does matter after all
Zu groß, zu klein
Er könnte etwas größer sein
Mercedes Benz und Autobahn
Alleine in das Ausland fahren
Reise, Reise, Fahrvergnügen
Ich will nur Spaß, mich nicht verlieben
Just a little bit, just a little bit
You’ve got a pussy
I have a dick
So, what’s the problem
Let’s do it quick
Take me now before it’s too late
Life’s to short so I can’t wait
Take me now, oh, don’t you see
I can’t get laid in Germany
To short, to tall
Doesn’t matter, one size fits all
Zu groß, zu klein
Der Schlagbaum sollte oben sein
Schönes Fräulein, Lust auf mehr
Blitzkrieg mit dem Fleischgewehr
Schnaps im Kopf, du holde Braut
Steck Bratwurst in dein Sauerkraut
Just a little bit, be my little bitch
Germany!
3.
Der Text des Songs Ich tu dir weh.
Zu diesem Lied schrieben wir ganz knapp: Gefälliger deutscher Schunkelrock. Übel. Den Text hielten wir nicht für erwähnenswert.
Frau von der Leyen jedoch ist entsetzt. Wie das Kruspe-Foto sei auch Ich tu dir weh eine jugendgefährdende Darstellung von S/M-Praktiken. So etwas hört man im Hause Leyen nicht:
Nur für mich bist du am Leben
Ich steck’ dir Orden ins Gesicht
Du bist mir ganz und gar ergeben
Du liebst mich, denn ich lieb’ dich nicht
Du blutest für mein Seelenheil
Ein kleiner Schnitt, und du wirst geil
Der Körper schon total entstellt
Egal - erlaubt ist was gefällt
Ich tu dir weh
Tut mir nicht leid
Das tut dir gut
Hört wie es schreit
Bei dir hab ich die Wahl der Qual
Stacheldraht im Harnkanal
Leg’ dein Fleisch in Salz und Eiter
Erst stirbst du, doch dann lebst du weiter
Bisse, Tritte, harte Schläge
Nageln, Zangen, stumpfe Säge
Wünsch’ dir was, ich sag’ nicht nein
Und führ’ dir Nagetiere ein
Ich tu dir weh
Tut mir nicht leid
Das tut dir gut
Hört wie es schreit
Du bist das Schiff, ich der Kapitän
Wohin soll denn die Reise gehn’
Ich seh’ im Spiegel dein Gesicht
Du liebst mich, denn ich lieb’ dich nicht
Ich tu dir weh
Tut mir nicht leid
Das tut dir gut
Hört wie es schreit
Lindemann beschreibt eine S/M-Beziehung ohne emotionale Bindung der Partner zueinander. Das ist völlig korrekt. Die wenigsten S/M-Paare verlieben sich ineinander. “Du liebst mich, denn ich lieb’ dich nicht” ist nichts anderes als Ausdruck einer Hörigkeit und freiwilligen Unterwerfung der Frau unter den dominanten Mann, die von beiden Seiten gewollt ist. Sie suchen nur das Rollenspiel und den Lustschmerz. Nach der Session geht jeder seines Weges.
Ob sich Ursula von der Leyen mit solchen Gedanken anfreunden kann, ob sie sich nachts auf dem Klo lustvoll eine Stecknadel durch die Brustwarze bohrt oder tatsächlich jenen aseptischen Blümchensex pflegt, dem man ihrem Image zuordnen würde, ist völlig belanglos.
Höchst bedenklich jedoch ist ihr Eingriff in die grundgesetzlich garantierte Rede- und Pressefreiheit. Weil eine moralisch verknöcherte Frau, die ihre sieben Kinder vermutlich vom Klapperstorch geschenkt bekam, die Welt außerhalb der evangelischen Kirche ihres Weilers Burgdorf-Beinhorn nicht mehr versteht, werden sämtliche Deutsche in Sippenhaft genommen.
Denn ihre Zensur hat noch weitere Folgen.
Rammstein gehen demnächst auf Tour. Bleibt die Indizierung bestehen, muß die Band auf die indizierten Songs verzichten. Fraglich ist, ob überhaupt Material der neuen CD gespielt werden darf. Das könnte der anwesende Beobachter der BPjM in seinem Zensurbericht als Werbung für die indizierte CD notieren. Eine Umwandlung der Konzerte in Ab-18-Partys ist aber kaum noch möglich. Der Umtausch jener Karten, die an Jugendliche verkauft wurden, dürfte schon logistisch scheitern.
Das Werbeverbot zieht außerdem ein Verbot von Platten- und Konzertrezensionen nach sich. Deutsche Richter sehen in jeder Rezension eine Werbung für das indizierte Produkt. Das bezieht sich auch auf bereits veröffentlichte Kritiken (selbst, wenn es Totalverisse sein sollten). Auf deutschen Websites müßten jetzt jene Artikel gelöscht werden, die sich mit Rammsteins neuer CD befassen. Lächerlich, aber wahr.
Zur Witznummer wird die Indizierung dieses harmlosen Stückchens Musik, wenn man bedenkt, daß in Deutschland die Geschichte der O. von Pauline Réage frei verkäuflich ist, als Buch, Hörbuch oder DVD. Von den darin beschriebenen blutigen Sexualpraktiken und devoten Unterwerfungsriten ist Texter Lindemann so weit entfernt wie Ursula von der Leyen vom realen Leben.
Seltsamerweise hat die Ministerin das Pussy-Video nicht beanstandet. Wer will, kann es in beiden Versionen — mit und ohne steife Penise — im Internet downloaden. Man muß nur ein wenig suchen.
Die Platte übrigens auch. Unsere kurze Stichprobe ergab 2.135 Quellen im Netz. Wie schade, wird die fromme Ursula denken, daß ausgerechnet jetzt mein Stoppschild gestoppt wurde.
7 Kommentare ↓
Nichts gelernt:
http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,99476,00.html
Aber was haben wir eigentlich erwartet? Daß Politiker denken und lernen? Wie naiv sind wir eigentlich? Wenn Politker denken könnten und lernen würden, hätten sie normale Berufe und würden nicht verhaltensauffällig durch die Talkshows taumeln, Blödsinn verzapfend.
Wieder ein kleiner Schritt zurück in die Weimarer Zeit der 20er Jahre. Wir alle wissen, was darauf folgte.
GvH
Erstaunlich ist, wie leicht *eine* Person ihre sittlichen und moralischen Vorstellungen über alle Deutschen stülpen kann.
Ich glaube nicht, daß die Indizierung vor Gericht Bestand haben wird. Bis dahin kann von der Leyen ihren Triumph auskosten und sich als Hüterin christlich-abendländischer Werte präsentieren. Denn S/M-Praktiken wie Flagellation, Schmerzüberwindung oder devote Unterwerfung gibt’s zum Glück in keinem christlichen Kloster.
Zumindest in keinem, das nicht, nachdem es publik geworden ist, neu geweiht werden müßte …
GvH
Das Verkaufsverbot gilt übrigens erst ab Montag. Man läßt den sittlich gefährdeten Jugendlichen noch Zeit, um sich am verkaufsstarken Sonnabend und verkaufsoffenen Sonntag mit der CD einzudecken :)
Ein kurzer blick in die nahe Zukunft:
1.12.2009: Das Management von Rammstein legt eine gerichtliche Beschwerde ein.
10.12.2009: Irgendein zuständiges Gericht hebt die Indizierung auf.Noch am selben Tag ist Lindemann in einigen Talk.- und Newsshows zu sehen.
11.12.2009: Die CD Pressen arbeiten auf Hochtouren um noch voll ins Weihnachtsgeschäft einzusteigen.
28.12.2009: Till Lindemann hat die Verrkaufszahlen aus dem Weihnachtsgeschäft vor sich liegen. In der nachweihnachtlichen friedlichen Abendstimmung hört man ein schier unmenschliches nicht enden wollendes Gelächter. es ist Till.
28.5.2018 Die langzeittherapierte Ursula v.d.L. wird als austherapierter Fall in die offene Psychatrie überstellt. Sie flüchtet. Man sagt , sie schlägt sich seitdem als Domina zu Rammstein - Musik in einem Puff in Rio durch……
Das ist doch nur der Anfang und nicht das erste Mal dass diese Landtussi mit symbolischer Politik Stammtisch-Rumsitzer umgarnt. Wo bleibt eigentlich der Aufschrei aller freiheitsliebenden Menschen in diesem Land. Freiheit ist für alle da!
Ich bin absolut entsetzt von diesem Beitrag hier.
Kurzer Satz vorweg. Ich bin 23 und sah gestern Nacht das Video zu “ich tu Dir weh”.
Ich bin mit Rammstein aufgewachsen und fand es als Kind sogar gut. Für mich war es auch noch zu schwer verständlich. Aber von dem Text zu “ich tu Dir weh” war ich sowas von entsetzt, dass ich das dringende Bedürfnis hatte, das irgendwo loszuwerden und mich dazu zu äußern.
Wir leben in einer derart gewalttätigen Gesellschaft. Überall werden Frauen und Kinder missbraucht, verstümmelt, vergewaltigt und umgebracht. Niemand kann so genau sagen, warum die Menschen so sind. Aber wie kann man nur sagen, dieses Lied wäre harmlos. Wie blind seid ihr denn alle? Egal um was es darin geht… Sicher kann jeder seine Vorlieben haben. Aber es gibt genug Kranke auf der Welt, die dadurch auf noch krankere Ideen kommen.
Ich dachte zum Beispiel nicht sofort an irgendeine Praktik. Für mich klang es, als wolle sich irgendein perverser, kranker Typ an einem wehrlosen Opfer vergehen. Nicht jeder steigt sofort dahinter, dass der Sänger eine Sexpraktik meint.
Ist auch völlig egal.
Rammstein geht einfach zu weit und das seit Jahren. Mag sein, dass ein großer Teil der Bevölkerung sehr gut damit umgehen kann. Dennoch sind nicht alle Menschen gleich und nicht jeder reagiert gleich auf gewisse Dinge. Ich finde, das sollte man niemals vergessen.
Und wie schon oben erwähnt wurde, man bekommt sowieso alles irgendwo her. Also wozu die Aufregung.
Und wenn Rammstein keine Lieder mehr auf den Markt bringen können, die Gesellschaftstauglich sind, sondern nur noch so einen kranken Sch&%!, (noch einmal, ich mochte diese Band sehr gern) dann kann man auf die nicht auch noch Rücksicht nehmen.
So, ich bin jetzt fertig :)
Mein Kommentar: