Kraftwerk
“Der Katalog”
(p) 2009, Klingklang/EMI

Ja. Einfach nur Ja. Das ist es.
Das ist der Standard 2009. Besser geht’s nicht. Und wenn, dann möge man es uns beweisen. Bis dahin bleiben wir dabei: Das ist es.
Dabei hätten wir den Katalog beinahe nicht gekauft. Als Remaster-Geschädigte, die das Abgezocke mit angeblich neuen Remasters restlos satt haben, interessieren uns solche Ankündigungen kaum noch. Die Tricks der Plattenfirmen sind bekannt: Alte CDs in neuer Verpackung, fetter Aufdruck Digitally Remastered — und im ganz klein Gedruckten, auf der letzten Booklet-Seite, das Geständnis: (c) 2001. So werden die flauen Alt-Remaster wieder und wieder unter die Leute gebracht. Es reicht.
Doch hier ist alles anders. Kraftwerk investierten viel Zeit und Geld in die digitale Überarbeitung der acht Platten, die zwischen 1974 und 2003 erschienen sind (das Remaster der drei Produktionen vor 1974 — Kraftwerk, Kraftwerk 2 und Ralf und Florian — soll folgen):
- Autobahn (1974)
- Radio-Aktivität (1975)
- Trans Europa Express (1977)
- Die Mensch-Maschine (1978)
- Computerwelt (1981)
- Techno Pop (1986, bis 2009 Electric Café)
- The Mix (1991)
- Tour de France (2003)
Zuerst waren wir erschrocken. Der Paketbote schleppte einen Karton an, groß wie eine Hutschachtel. Hatten wir in geistiger Umnachtung Vinyl bestellt? Zögerndes Auspacken, große Erleichterung, alles in Ordnung. Dem Verwöhnpaket von Kraftwerk in den Abmessungen eines Schallplattenkiste liegt ein Schuber bei, mit nicht realisierten Entwürfen für alle acht Plattenhüllen, im Originalformat der LPs.
Darunter, bruch- und kratzsicher im ausgestanzten Schaumstoff eingebettet, die acht CDs. Sie sind als Mini-LPs verpackt, mit Papphülle und Innentasche. Keine Booklets, keine Liner Notes, keine Credits. Die Cover sind auch nicht immer identisch mit denen der originalen LPs, was bereits zu empörten Reaktionen quasireligiöser Kraftwerk-Jünger führte. Es gibt wirklich nichts, worüber sich Fans nicht aufregen können.
Dann die erste Begegnung mit dem Klang. Ungläubigkeit, Staunen. Man fragt sich: Wie geht das? Fassungslos glotzt man auf die Lautsprecher. Autobahn ohne Rauschen? Das kann nicht sein. Man preßt sein Ohr an die Membran — tatsächlich, kein Rauschen. Weihnachten und Ostern fallen auf einen Tag.
In all den Jahren, in denen wir Musik hören, ist uns noch nie ein so perfektes Remastering begegnet. Man könnte einschränkend fragen, was es bei den digitalen Produktionen The Mix und Tour de France zu remastern gab, aber das wäre bestenfalls spitzfindig. Der analoge Teil des Katalogs ist der entscheidende, und hier ist das Hörvergnügen grenzenlos. Glasklar, vibrierend, dynamisch und mit herrlich abgezirkelten Bässen, weder wummernd noch absaufend. Perfekt.
Falls Sie, liebe Leser, Ihren Partner zu Weihnachten mit einer neuen Anlage überraschen wollen, damit Sie Ihre eigenen CDs endlich vernünftig hören können: jetzt ist der Moment, nicht länger zu zögern. Denn die Kraftwerk-Remasters brauchen eine qualitativ angemessene Umgebung. Natürlich können Sie jede dieser CDs komprimieren und in der U-Bahn mit 9,99-Euro-Kopfhörern auf dem Handy hören. Wenn dann aber der Gott des reinen Klangs zur Türe hereinfährt und Ihnen mit einem zornigen Ratsch die Ohren abschneidet, dann sagen Sie nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt.
Wir werden nicht die einzelnen Platten rezensieren. Jede Kraftwerk-LP ist bekannt, tausendmal besprochen und für sich zur Legende geworden. Die sehr verschiedenen Produktionen sind jede für sich hörenswert, auch der ambient- und trance-orientierte Soundtrack Tour de France und selbst The Mix als typisches Zeitdokument der frühen 90er Jahre.
Wir raten auch nicht, ob es besser wäre, den Katalog oder die einzelnen CDs zu kaufen. Der Katalog ist in erster Linie eine Frage des würdigen, dem Ereignis angemessen Platzes im CD-Regal. Wer den leuchtend weißen Karton im Müll entsorgt, wird in der Hölle täglich DJ Bobo hören. Der Katalog drückt außerdem den Preis je CD auf ein erträgliches Maß.
Die Einzel-CDs kann man nach seinen Vorlieben zusammenstellen. Dafür sind sie — wie bei Kraftwerk gewohnt — sehr teuer. Das wird sich — ebenfalls wie bei Kraftwerk gewohnt — kaum ändern.
Beim Wiederhören entdeckt man nicht nur Kraftwerks musikalische Sonderstellung; sie waren ihrer Zeit so weit voraus, daß es bis heute keine gleichrangigen Nachfolger gibt. Man wird auch an prophetische Textstellen erinnert wie jene in Computerwelt, die man fast vergessen hatte: “Interpol und Deutsche Bank, FBI und Scotland Yard, Flensburg und das BKA, haben unsere Daten da.” Geschrieben 1981. 24 Jahre vor Merkels satanischem Innenminister Schäuble.
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