Them Crooked Vultures spielen in Berlin. Da muß man doch mal schauen, warum die so erfolgreich sind, dachte sich irgendwer beim Stadtmagazin tip und beauftragte irgendwen, sich irgendwelche Gedanken zu machen.
Die Irgendwen heißt Ulrike Rechel. Ihr präzise recherchierter Artikel trägt die Überschrift Heavy für Hipster.
Der vorletzte Journalist, der das Wort Hipster aufschrieb, fiel 1999 tot vom Baum. Frau Rechel ist die Letzte ihrer Art, ein weiblicher Zombie, in deren bandagierter Hand ein Zettel steckt, auf dem steht: Don’t forget the Hipster.
Als heavy Unterzeile dachte sich Zombine Rechel diesen Text aus:
“Heavy Rock ist im Aufwind wie lange nicht mehr. Auf Bands wie Isis, Sunn O))) oder Them Crooked Vultures können sich Mattenschwinger wie Indie-Hipster gleichermaßen einigen.”
Wow, würde Kenny Daley sagen. Heavy Rock klingt gut. Was ist das?
In Deutschland wird zwischen Hard Rock und Heavy Metal unterschieden. Beide Genres sind für Rockbands reserviert, von AC/DC bis ZZ Top.
Isis und Sunn O))) gehören nicht dazu. Isis spielen Post-Metal, Sludge und ein wenig Doom, Sunn O))) nur Drone und Doom. Der Unterschied zwischen Sunn O))) und AC/DC ist so gewaltig, daß man dafür das Subgenre Doom erfand, als Unterart des Heavy Metal, mit der Verästelung Drone. Ein beinharter AC/DC-Hörer würde sich eher selbst entleiben, als seine Lieblinge in einem Atemzug mit Sunn O))) zu nennen.
Man kann natürlich sagen, alles sei Heavy Rock, irgendwie. Man kann auch sagen, Tomaten und Petunien sind dasselbe — beides sind Nachtschattengewächse. Macht aber kein Mensch. Glauben Sie nicht? Probieren Sie’s aus. Gehen Sie morgen in einen Blumenladen und verlangen Sie ein Pfund Tomaten. Palim, Palim.
Zombine Rechel recherchierte weiter:
“Shrinebuilder und A Storm of Light: beides Allstar-Bands um verdiente Mainstream-Verächter wie Unsane, Saint Vitus oder Melvins”
Eine Allstar-Band nennt man Allstar-Band, weil alle Musiker Stars sind. Das klingt sicher etwas platt, aber wir wollen es so aufschreiben, daß es auch Frau Rechel begreift.
Dies, liebe Leser, sind die Musiker von A Storm of Light plus deren ursprüngliche Bands: Josh Graham (g, voc; Videokünstler bei Neurosis), Andy Rice (dr, Sinking Ships), Domenic Seita (b, Tombs) und Joel Hamilton (g, The Book Of Knots).
Haben Sie einen Star erkannt? Wenn nicht, seien sie unbetrübt. Eine Allstar-Band sind A Storm of Light ganz bestimmt nicht (im Gegensatz zu Shrinebuilder).
Zwar sind Neurosis berühmt, ihr Videokünstler jedoch ist es weniger. Und von Unsane spielt überhaupt niemand — egal, ob bekannt oder unbekannt — bei A Storm of Light. Unsane-Schlagzeuger Vinny Signorelli hat die Band längst verlassen.
Noch ein Rechel’sches Bonmot:
“Tiefdröhn-Extremisten wie Boris, Baroness oder Sunn O)))”
Huch! Baroness sind Tiefdröhn-Extremisten? Seit wann?
Erschrocken legten wir die beiden Baroness-CDs auf: The Red Album (2007) und Blue Record (2009). Hatten wir was überhört? Sollten wir uns so getäuscht haben?
Nein. Baroness spielen flotten Post-Metal, Prog-Rock, Sludge und neuerdings 70er-Jahre-Psychedelic. Isis mit Perwoll gewaschen, keine Spur von Tiefdröhn-Extremismus.
Wie produziert man solche präzisionsjournalistischen Sensationen? Lange rätselten wir über eine Antwort — bis wir diese Liste fanden:
Lieblingsalben 2008:
- 1. PJ Harvey — White Chalk
- 2. Portishead — Third
- 3. Radiohead — In Rainbows
- 4. Coldplay — Viva La Vida Or Death & All Of His Friends1
- 5. Ratatat — LP3
Lieblingssong 2008: Sigur Ros — Gobbledigok
Lieblingskonzert 2008: PJ Harveys Solo-Abend am 19.5. in Friedrichstadtpalast2
Eingereicht von Ulrike Rechel, der Heavy-Braut des tip-Verlags.3
- Die CD heißt eigentlich Viva la Vida or Death and All His Friends. Frau Rechel kennt also nicht jeden Namen ihrer Lieblingsalben 2008. Da ist es nur konsequent, daß Ulrike Rechel in der Übersicht der tip-Experten als Musik Journalistin bezeichnet wird, getrennt geschrieben, ohne Bindestrich. Vorschlag an die Redaktion: Noch neckischer würde MusikJournalistin aussehen. [↩]
- Da steht wirklich “in”, nicht “im”. Musik Journalistin Rechel weiß sich elegant auszudrücken. [↩]
- Zitate aus: Stadtmagazin tip, 25/2009, Seite 74 [↩]
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