Bi in Börlin

Geschrieben von messitschbyburns am 22. Februar 2008 | be Berlin


Die Berliner Selbstvermarktung steht vor einem spektakulären Gipfel. Nach monatelangem geistigen Ringen in millionenteuren Think Tanks zweier Kommunikationsagenturen und eines sogenannten Berlin Boards wurde der von sämtlichen 3.410.147 Berlinern schmerzlich vermißte Slogan für die Hauptstadt gefunden.

Er heißt: be berlin. Klein geschrieben.

Wow! Allein das flotte 70er-Jahre Feeling der Kleinschreibung rechtfertigt einen ordentlichen Zuschlag auf die Schlußrechnung der beiden Kommunikationsagenturen. Denn Retro ist in, hip und trendy, und Berlin ist — genau! — in, hip und trendy! Toll!

Wer gegen Pubertätspickel kämpft, denkt beim Lesen der beiden Silben be be womöglich an Bebe (“Die babymilde Pflege für junge Haut”). Um die Zielgruppe vor Mißinterpretationen zu bewahren, liefern die Kommunikationsfachleute eine deutsche Übersetzung: Sei Berlin. Da fühlt sich der Berliner noch wohler, denn das klingt ihm vertraut: Sei kein Frosch! Sei wachsam, Holzauge! Seid bereit — immer bereit! Toll!

Wie dem auch sei (hihi, kleiner Scherz): Der Senat wird 10,6 Millionen Euro ausgeben, um be berlin 2008 in Berlin und 2009 im Bundesgebiet zu kommunizieren, wie es in der Sprache der Kommunikationsmanager heißt. Auf Deutsch: Sie lassen Plakate kleben, Flyer verteilen und eine Homepage basteln. Toll!

Wer hat bloß diesen großartigen Slogan abgesegnet? Wohin dürfen wir die Blumensträuße schicken? Hierhin: Mitglieder des Berlin Board.

Es nickten ab: Bürgermeister Wowereit, Springerchef Döpfner, Bertelsmannchef Ostrowski, Bayer-Chef Wenning, MTV-Chefin Mühlemann, Tom-Cruise-Fan Schirrmacher, Architekt Kollhoff, Senator Wolf, Senatorin Junge-Reyer. Und einige andere. Danke, danke, danke! Das habt ihr wirklich toll gemacht!

Nur noch eine Frage: Wie soll der gewöhnliche Deutsche den Wunderslogan aussprechen? Bi Berlin? Bi Börlin? Gibt es dazu eine Handreichung, vielleicht als Postwurfsendung an alle Berliner (2008) und bundesdeutschen (2009) Haushalte? Wenn ihr den ohnehin nur noch symbolischen Etat für die Berliner Jugendhilfe gänzlich streicht und das Geld in das be-berlin-Budget umleitet, klappt das schon. Das kriegt ihr hin. Denn ihr seid so toll!

Und weil man auf einem Bein nicht stehen kann, wie der Biliner sagt, bekommt das Berlin Board auch noch Konkurrenz in der eigenen Stadt. Die Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM) geht mit einem anderen Slogan an den Start:

BERLIN BERLIN wir fahren nach BERLIN!

Das ist so toll! Denn die BTM mußte nicht lange grübeln; sie schaute einfach dem Volk auf’s Maul. Ein abgedroschener origineller Spruch aus dem Herzen der Stehtribüne wird weltweit plakatiert. In Deutsch! (außer in Großbritannien, dort wird es übersetzt). Wir kriegen uns nicht mehr ein vor Begeisterung. Toll, toll, toll!

Darauf eine Berliner Stulle, und hinterher einen Berliner Pfannkuchen. Und dann drucken wir T-Shirts mit unserem Berliner Hamlet:

To be Berlin or not to be Berlin. Oder: To berlin or not to berlin?

Egal. Denn: Sind wir nicht alle ein bißchen Bi?

1 Kommentar ↓

#1 Neues vom Glöckner » Blog Archiv » Bunte Träume, tote Bäume und eine Losung der Luxusklasse: forget berlin am 24.02.08 um 15:41

[…] die intellektuelle Dürftigkeit des Spruchs ist bereits viel geschrieben und auch aus kompetentem Mund gesagt worden. Was jedoch oft übersehen wird, ist, daß diese im […]

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