Arctic Monkeys: Humbug

Geschrieben von messitschbyburns am 01. Dezember 2009 | Hörsturz, The Last Shadow Puppets


Arctic Monkeys
“Humbug”
(p) 2009, Domino/Indigo

arctic_monkeys_cover_s.jpg

Nanu? Wo Arctic Monkeys draufsteht, ist plötzlich Musik drin? Keine nervige “Wir sind so jung und schräg”-Attitüde mehr, sondern richtig gute Musik? Wie kommt’s?

Vielleicht durften die durchschnittlich 23,5 Jahre jungen Männer ihren allerersten Geschlechtsverkehr erleben und wurden über Nacht erwachsen. Oder die Arctic Monkeys haben sich seit ihrer Gründung verstellt, um das Publikum im verflixten siebten Jahr zu überraschen. Das wäre ihnen wunderbar gelungen.

Nach dem kommerziell extrem erfolgreichen Indiegezuppel Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not (2006) und der weniger erfolgreichen Schlaftablette Favourite Worst Nightmare (2007) konnte man immerhin zu The Last Shadow Puppets ausweichen. Das von uns anfangs zurückhaltend gelobte, später begeistert gefeierte Nebenprojekt von Arctic-Monkeys-Boss Alex Turner war, wie’s scheint, sein persönliches Labor für musikalische Ideen. Und nun symbiotisiert Turner seine Puppets-Erfahrungen mit dem Sound der Arctic Monkeys — siehe, es ward gut.

Und wohl dem, der beste Freunde hat. Die Arctic Monkeys haben mindestens einen: Josh Homme, die Legende aus der Wüste, der Kyuss-Veteran und Herrscher über die Queens of the Stone Age. Er hat die Arctic Monkeys so innig ins Herz geschlossen, daß QOTSA mit ihnen auf Tour gingen und Josh Homme die Hälfte ihrer neue Platte produzierte (die andere Hälfte fiel dem bisherigen Produzent John Ford in die Hände; man hört sein Werk und hofft auf einen Blitz, der John Ford — und seinen Simian Mobile Disco-Kokolores — beim Stuhlgang treffen möge).

Achtung, besonders flacher Witz: Was waren die Arctic Monkeys ohne Josh Homme? Humbug. Tätä tätä tätä!

Auf Humbug erkennt man die Arctic Monkeys zwar wieder, aber im Josh-Homme-Sektor auf einer um zwölf Stufen höheren Ebene des musikalischen Bewußtseins. Alles, was vorher fehlte, ist hier vorhanden: das endlich nicht mehr verschämt versteckte, sondern druckvoll bollernde Schlagzeug, die echoflirrende oder stonerverzerrte Gitarre, der räudig dampfende Bass, eine psychedelisch leiernde Orgel und Alex Turners sanft verhallte oder heißer verzerrte Glamrock-Sangesschlieren aus der Puppets-Schule. Und als kleines verstecktes Gimmick grüßen die traditionsbewußten Engländer ein anderes Welt-Quartett ihrer Heimat. Das Stone’sche Woo, Woo aus Sympathie for the Devil wird zweimal verschmitzt eingeflochten.

Selbstredend wird Humbug in der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend abgemeiert und als Zwischenstation auf ihrem weiteren Weg (ob nach oben oder unten, bleibt dabei merkwürdigerweise offen) oder als Verrat an den edlen Idealen der Indie-Internationale gegeißelt. Humbug sei schnöder Rock, und Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not bleibe sowieso auf Ewig unerreicht. Früher war eben alles besser, nicht nur das Wetter, auch die Arctic Monkeys.

Wir sind immer noch keine glühenden Fans der Arctic Monkeys, aber wo die Not am größten und das Unrecht am schreiendsten sind, eilen wir zu Hilfe. Den Arctic Monkeys nicht zugestehen zu wollen, sich mit Humbug aus dem Anfängergestrüpp befreit zu haben, ist entweder unfair, böswillig oder dämlich. So oft erlebt man nicht, daß eine Band einen großen Satz nach vorn macht. Wer Stillstand und Rückschritt liebt, kann sich gerne Wolfmother anhören.

Die Plattenfirma bietet übrigens eine Erklärung für den Namen Humbug. Das Wort ist Ebenezer Scrooge entlehnt, einem Hauptcharakter aus Charles Dickens‘ Erzählung Eine Weihnachtsgeschichte. Scrooges Lieblingssatz war bekanntlich äußerst kurz: Bah, humbug!

So schließt sich der Kreis zum nahen Weihnachtsfest. Wenn Sie mit dem Gedanken spielen, Ihren Liebsten Humbug zu schenken, würden wir Ihnen nicht abraten. Der Preis steht zur Zeit bei 10,97 Euro für die CD. Ihr Börsenblog empfiehlt: Kaufen.

Keine Kommentare ↓

Es gibt noch keine Kommentare. Sie können das ändern. Schreiben Sie einen Kommentar in das Formular.

Mein Kommentar: