Am Sonntag griffen fünf betrunkene junge Männer in Berlin einen Polizisten in Zivil an. Der als zerlumpter Penner verkleidete Beamte gehörte zu einer sog. Brandschutzstreife. Das Wort klingt nach Luftschutzwart und Zweitem Weltkrieg, beschreibt aber nur die etwas hilflose Reaktion der Berliner Polizei auf nächtlich abgefackelte Autos: Polizisten in Räuberzivil sollen Autoanzünder auf frischer Tat ertappen.
Jemand hatte die Betrunkenen als potentielle Autoabfackler gemeldet. Sie wurden observiert, doch der Observateur stellte sich nicht sehr geschickt an. Die Männer entdeckten und verprügelten ihn (warum, wird man wohl erst zur Gerichtsverhandlung erfahren).
In Notwehr gab sich der Angegriffene als Polizist zu erkennen. Angesichts der fünffachen Übermacht schoß er zuerst in die Luft und dann einem Angreifer ins Bein. Seine Kollegen, die in der Nähe durch die Straßen streiften, eilten ihm zu Hilfe. Die Angreifer wurden geschnappt und nach Feststellung der Personalien bis zum Prozeß auf freien Fuß gesetzt.
Soweit der Alltag bei der Berliner Polizei. Der Vorfall, so unerfreulich er für den Polizisten auch ist, wäre normalerweise kaum mehr als eine kurze Notiz auf der Lokalseite wert.
Weil aber die Gelegenheit so unglaublich günstig scheint, brennende Autos und betrunkene Polizeiangreifer als Ausdruck linker Politik zu denunzieren, schlägt jetzt die Stunde der publizistischen Kleinhirne und Mitläufer, die ihre Chance wittern, sich als Hardliner zu empfehlen.
Es ist die Stunde von Leuten wie Jansen und Rogalla.
Thomas Rogalla, der als Birthlers kleiner Pudel den Berliner Verlag (im Teamwork mit Bommarius) erfolgreich mit Stasiakten kujonierte und Redakteure zur Kündigung zwang, scheint darunter zu leiden, daß in Berlin noch kein linker Aktivist als PKW-Brandstifter verurteilt wurde. Weil in Rogallas Welt Anschläge auf Autos und Polizisten grundsätzlich von Linken gesteuert werden,1 projiziert er seine Wunschvorstellung dankbar auf jede brenzlige Situation, die zur Bestätigung des eigenen Biedermann’schen Weltbildes herhalten muß: Linksextreme, überall nur Linksextreme!
Zum Angriff auf den Polizisten schrieb er am 7. Dezember 2009:
“Ob der Angriff auf den Beamten aus politischen Gründen gezielt erfolgte oder ob ein paar testosterongesteuerte Jungmänner nachts ihr Mütchen an einem vermeintlich Schwächeren kühlen wollten, ist noch nicht völlig geklärt. Das Problem des Senats ist, dass ein gezielter Angriff von Linksextremisten auf die Polizei derzeit regelmäßig vermutet werden muss.”
Das ist nicht einfach dummes Zeug, dahergeschwafelt von einem debilen Hirn. Das ist gezielte, böswillige, demagogische Propaganda gegen Links.
In der gleichen Ausgabe, auf der gleichen Seite, zitiert ein anderer Autor die Polizei:
“Ein politischer Hintergrund des Überfalls wird von der Polizei inzwischen ausgeschlossen […] Die Polizei vermutet als Motiv Langeweile unter alkoholisierten jungen Männern.”
Das war Rogalla nicht entgangen. Aber es paßte ihm nicht. Daran, was Rogalla suggerieren möchte, läßt er schon in der Überschrift keinen Zweifel: “Linke Rechtsextreme”.
Er setzt Linke und Nazis gleich. Das ist primitivste Relativierung deutscher und internationaler Geschichte, lächerlich und ahistorisch. Doch Rogalla, einmal enthemmt, schreibt noch mehr:
“Menschen, deren Herkunft, Beruf oder Funktion nicht ins Weltbild passt, bei lebendigem Leibe anzuzünden: Damit sind diese angeblichen ‘Linken’ heute dort, wo die Neonazis schon länger sind. Was dem Glatzkopf das Asylbewerberheim, ist dem einen oder anderen ‘Antifa’ aus Friedrichshain-Kreuzberg die Polizeiwache als Anschlagsziel.”
Bis heute wurden in Berlin keine Menschen von Linken angezündet, weder tot noch lebendig. Rogalla muß sich irrsinnig biegen und winden, um diese infame Unterstellung zu begründen:
“[Die Napalmbomben des Kleinen Mannes, die Molotowcocktails] wurden ausweislich eines Bekennerschreibens von sogenannten Linken auf eine Polizeiwache geschleudert, erloschen zum Glück, hätten aber nach dem Willen der Angreifer Leib und Leben der Beamten gefährden sollen.”
Beim Molotow-Wurf auf die Polizeiwache kleckerten die Scherben an der verklinkerten Mauer herunter. Wer es schafft, Klinker mit einem Molotowcocktail zu entzünden, kann bei Wetten Dass…? auftreten.
Beachten Sie die Wortwahl des Mitglieds des Redaktionsausschusses der Berliner Zeitung: Die Napalmbombe des Kleinen Mannes (mit großem Rechtschreibfehler), bei lebendigem Leibe anzünden und Antifa in Anführungszeichen. Kollaterale Selbstentlarvung.
Rogalla preßt die Linke verbal nicht nur mit den Neonazis zusammen. Er packt sie in die Tradition der deutschen Nazis, die zwischen 1933 und 1945 tatsächlich Menschen lebendig verbrannten. Bisher wird das Bild brennender Menschen mit jenen Nationalsozialisten verknüpft, die ihre Opfer in Scheunen und Kirchen trieben, um die Gebäude anzuzünden. Diese Assoziation leitet Rogalla auf die Linke um, egal, wie stumpf seine Vergleiche sein mögen.
Weil nichts zu blöde ist, um es nicht noch blöder aussehen zu lassen, sucht Rogalla auch auf indymedia nach Beweisen für seinen antilinken Geschichtsrevisionismus.
Und was für ein Glück: Zufällig beklagt sich dort ein User2, daß Linke und Rechte mit der gleichen Parole am gleichen Wochenende, allerdings an verschiedenen Orten, demonstriert hätten: Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Diese Parole sei in gefährlicher linguistischer Nähe zum faschistischen Sprachgebrauch, schreibt der angebliche Autonome.
Euphorisch trompetend fügt Rogalla hinzu:
“Nicht nur in linguistischer!”
Halleluja.
Rogalla möchte uns tatsächlich einreden, daß ein Zitat immer dann zum Ausdruck faschistischer Ideologie mutiere, wenn es von Neonazis mißbraucht wird. Das ist größtmöglicher Humbug, sofern es sich nicht um einen originär antisemitisch konnotierten Satz wie Arbeit macht frei handelt. Nicht einmal der ca. 2.500 Jahre alte philosophische Spruch Jedem das Seine wird — trotz seiner Vergewaltigung als Inschrift am Tor des KZ Buchenwald — als rein faschistischer Sprachgebrauch gedeutet.
Aber ausgerechnet ein verkürztes Bibelzitat der Nazisprache zuzuschlagen, ist selbst für Rogallas bescheidenen Denkapparat eine unterirdische Leistung:
“Denn sie säen Wind und werden Ungewitter einernten; ihre Saat soll nicht aufkommen und ihr Gewächs kein Mehl geben; und ob’s geben würde, sollen’s doch Fremde fressen.”
So steht es geschrieben im Alten Testament, im Buch des Propheten Hosea, Kapitel 8, Vers 7. Und so wird es noch geschrieben stehen, wenn sich Rogalla im Jahr 2010 durch die angekündigten Entlassungen bei der Berliner Zeitung mogeln muß.
- Für seine Behauptung, die Autobrände seien das Werk Linksextremer, bedarf Rogalla weder einer Beweisführung noch eines richterlichen Urteils. Wer — wie Rogalla — seinen Charakter als Pressesprecher in Pfarrer Gaucks Ministerium für Wahrheit geschmeidig walken ließ, für den zählt die politisch motivierte Vorverurteilung zum gängigen Arbeitsethos. [↩]
- Rogalla identifiziert den anonymen User sofort als Autonomen, obwohl er dafür keine Belege hat — Rogalla hätte sich auch selbst einloggen, seinen eigenen Kommentar posten und ihn in der BLZ als linksautonome Meinung verkaufen können. [↩]
1 Kommentar ↓
Na Mensch, das versteht sich doch von selbst: Wenn irgendwo irgendwas angezündet, beworfen oder getreten wird - dann muss es natürlich ein “Linksextremist” gewesen sein. Was denn sonst?!
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