Wenn EU-Industriekommissar Günter Verheugen Laut gibt, wird automatisch Lobby-Alarm ausgelöst. Man überfliegt Verheugens industriefreundliche Arschkriecherei und wirft sie in den Papierkorb. Verheugen, der 2006 für den Worst EU Lobby Award nominiert wurde, ist ein Auslaufmodell, ein EU-Politiker ohne Zukunft, der bis zur letzten Stunde seiner Ablösung für die Interessen der Großkonzerne wühlt.
Das ist so bekannt wie die Farbe eines Schimmels. Nur Silke Janovsky weiß es nicht.
Um der Pharmaindustrie einen letzten Gefallen zu tun, wurde Verheugen Anfang Dezember regelrecht schrill. Er ließ sich von Springers Welt zum Interview einladen und diktierte seine Botschaft:
Innerhalb von zwei Monaten hätte der Zoll in verschiedenen EU-Staaten 34 Millionen gefälschte Tabletten entdeckt. Jede dieser Fälschungen sei ein versuchter Massenmord, sagt Verheugen — was, nähme man Verheugen ernst, immerhin 34 Millionen glücklicherweise verhinderte Massenmorde ergäbe. Die anderen, nicht konfiszierten Fälschungen hätten derweil die EU längst entvölkern müssen.
Der Grund für Verheugens Hysterie ist zeitlicher Natur. Ihm bleiben bis zum Ausscheiden als EU-Kommissar nur noch wenige Wochen, um ein Großprojekt durchzusetzen, mit dem er schon 2008 im EU-Parlament scheiterte. Die Pharmaindustrie wünscht eine Lockerung des Werbeverbots für verschreibungspflichtige Medikamente. Über die Hilfskonstruktion der Patienten-Aufklärung wegen angeblich zu geringer Kenntnisse über gefälschte Medikamente soll das störrische Parlament weichgeklopft werden.
Dort sieht man bisher wenig Grund, die Pharmaindustrie für verschreibungspflichtige Pillen werben zu lassen. Nur Verheugens Landsmännin Dagmar Roth-Behrendt (SPD) trommelt wie besessen für die Interessen der Konzerne.
Wie gesagt, das weiß man. Nicht wenige Zeitungen betrachteten Verheugens Todespillengeschrei sehr distanziert. Silke Janovsky aber macht ihren Artikel im Wirtschaftsteil der Berliner Zeitung zur kostenlosen Werbung für die deutschen Apotheker.
Kritiklos schreibt sie Verheugens Pressemeldung ab und hängt einen simulierten “Der Patient fragt”-Dialog an, dessen Antworten komplett aus dem Leitfaden der Apothekenrundschau stammen könnten: Das größte Risiko für Verbraucher stellen unseriöse Internetseiten dar. Der sicherste Weg ist, seine Medizin vor Ort bei einer Apotheke seines Vertrauens zu kaufen. Wenden Sie sich unbedingt an einen Arzt oder an eine Apotheke.
Janovsky ist so entzückt von der Welt der bunten Pillen, daß ihr eine Merkwürdigkeit nicht auffällt. Sie schreibt in ihrem Pseudo-Dialog:
“Mit dem Verkauf eines Kilogramms unechten Viagras nehmen die Fälscher nach Angaben der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände 90.000 Euro ein - das ist mehr als beim Verkauf der gleichen Menge an Kokain oder Heroin.”
Woraus resultiert diese Gewinnspanne?
Keine Frage, keine Antwort. Pannen-Silke gleitet selig durch den Pillen-Kosmos.
Deutschland ist ein Hochpreisland für Medikamente. Anbieter preisgünstige Generika werden bis aufs Blut bekämpft. Der deutsche Patient soll die Mondpreise zahlen, die ihm die Pharmaindustrie diktiert, mit freundlicher Unterstützung der Bundesregierung:
“Um Geld zu sparen, schließen die Krankenkassen mit den Generika-Herstellern Rabattverträge ab. Die neue Koalition will solche Rabattverträge nun erschweren oder sogar ganz abschaffen.”
Schon im Vorfeld schafft man Fakten:
“Berlin will Pharmakritiker loswerden […] Mehreren Quellen zufolge soll der Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), Peter Sawicki, seinen Posten im kommenden Jahr verlieren […] Besonderen Aufruhr verursachte Sawicki zum Beispiel 2006, als das IQWiG mit seiner kritischen Bewertung von künstlichem Insulin dafür sorgte, dass die sehr teuren, so genannten Insulinanaloga in der Regel nicht von den gesetzlichen Kassen bezahlt werden.”
Die überhöhten Preise für Medikamente sind der Grund für die Beliebtheit anderer Bezugsquellen, abseits der sog. Apotheke des Vertrauens (die ohnehin eine Schimäre ist, eine Erfindung der Werbeagenturen).
Wer sich seine Pillen nicht mehr leisten kann, sucht und findet neue Wege — aber nicht mehr lange. Die Bundesregierung verstopft die Bezugsquellen preiswerter Medikamente im Internet und hält am Fremdbesitzverbot für Apotheken fest, um Discount-Ketten zu verhindern. Verheugens Attacke flankiert diesen Kampf auf EU-Ebene. Alles zum Wohle der deutschen Hochpreis-Lobbby.
Kein Wort davon bei Janovsky. Statt dessen macht sie die Berliner Zeitung zur Propagandatröte der Pillendreher. Das ist schon erstaunlich.1
Offenbar ist der Abgang des Ressortleiters Wirtschaft, Ewald B. Schulte, noch immer nicht überwunden. Kaum zu glauben, daß er Janovskys dahergeplapperte Pharma- und Apothekerwerbung nicht gestoppt hätte.
Doch kein Unglück währet ewiglich: Die desolate Wirtschaftsredaktion der Berliner Zeitung (zu der Janovsky noch nicht einmal gehört) soll aufgelöst und weitgehend durch die Kollegen der Frankfurter Rundschau ersetzt werden. Wird der Plan realisiert, bleibt in Berlin eine zweiköpfige Schrumpfbesatzung für lokale Wirtschaftsmeldungen (“Konnopke muß die Imbißbude räumen!”). Der Wirtschaftsteil der BLZ wird nicht darunter leiden.
- Gestern führte die Konkurrenz vor, wie man Lobbyisten elegant abservieren kann. Die berüchtigte Pharma-Lobbyistin Cornelia Yzer durfte im Tagesspiegel die Hochpreispolitik der Pharmaindustrie verteidigen. Ihre Interview-Antworten sind wie ein Lehrbeispiel für eine erfolgreiche Selbstdemontage. Der Tagesspiegel macht sich Yzers Argumente nicht zu eigen, er läßt ihren Lobbyschwall unkommentiert stehen. Die Wirkung ist phänomenal: Yzer versenkt sich selbst. [↩]
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