Von der Wiege bis zur Bahre: Die persönliche IP-Adresse

Geschrieben von messitschbyburns am 23. Dezember 2009 | Überwachung


Erst Zypries, jetzt die GVU: Die Rufe nach einer persönlichen IP für jeden Bundesbürger werden immer lauter. Ausnahmsweise nicht, um den Terror zu bekämpfen. Ganz offen geben die GVUler zu, daß sie im Namen ihrer Auftraggeber sprechen: Den Medienkonzernen.

Die Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) ist so beliebt wie die GEZ. Während man aber der GEZ noch eine gewisse Daseinsberechtigung zusprechen kann und eher die zweifelhaften Methoden ihrer Außendienstler verabscheut, ist die GVU ein personalisierter Lachsack.

Vor Jahren karrte die GVU mobile Gefängniszellen dorthin, wo viele Jugendliche zu erwarten sind — z.B. auf Computerspielmessen. Die GVUler wollten ihr Kunstwort “Raubkopierer” in die Köpfe junger Menschen pflanzen, wurden ausgelacht und zogen betröppelt davon.

Später schaltete die GVU sündhaft teure Kinospots, in denen Vati im Gefängnis sitzt, weil er eine CD kopierte. Die Spots wurden vom Publikum höhnisch beklatscht und von der GVU unauffällig aus dem Verkehr gezogen.

Dann unterstützte die GVU das französische Modell der Online-Kontrolle: Abgestufte Mahnungen und in letzter Konsequenz Internetsperren für Menschen, die Dateien tauschen, von denen die Medienkonzerne glauben, dies wäre verboten:

“Damit vollendet Frankreich den nächsten Schritt zu einem effektiven Vorgehen gegen illegales Downloaden auf technischer Ebene als sinnvolle Ergänzung einer straf- oder zivilrechtlichen Ahndung von Urheberrechtsverletzungen im Internet.”

Das sagte Christian Sommer, Vorstandsvorsitzender der GVU, im April 2009. Anschließend kassierte das französische Verfassungsgericht Sommers Traum vom fix gesperrten Tauschbörsennutzer, und auch in Deutschland wollte sich keine politische Mehrheit für die Onlinesperren finden lassen.

Notgedrungen modifizierte Sommer seine Taktik. Statt aussichtslos für Internetsperren zu streiten, ruft er jetzt nach einer persönlichen IP für jeden Bundesbürger:

“Filesharing und die für die verteilte Verbreitung entwickelte Technik sind nicht per se negativ oder verdammenswert. Im Gegenteil, eignen sie sich doch hervorragend für die Verbreitung großer Inhalte jeglicher Art.

Ebenso technisch aber ist auch der Grund, warum überhaupt eine Diskussion um die Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen geführt wird. Gibt es das Problem doch nur, weil der IP-Adressraum begrenzt ist, weil für jede Internetverbindung individuelle IP-Adressen neu vergeben werden, um das Maximum aus den zur Verfügung stehenden Zahlenkombinationen herauszuholen.

Wäre jedem Computer eine eindeutige Identifikation zugeordnet, ein globales Nummernschild auf der internationalen Datenautobahn, gäbe es dieses Problem vermutlich nicht. Niemand käme auf die Idee, die Meinungsfreiheit, die Informationsfreiheit und die Demokratie als gefährdet anzusehen, nur weil es Nummernschilder gibt. Und niemand würde in Zweifel ziehen, dass es Kontrollen und einen Sanktionsmechanismus für notorische Verkehrssünder geben muss.”

Der Grund, warum überhaupt eine Diskussion um die Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen geführt wird, liegt also in der Nichtexistenz der persönlichen IP-Adresse — der Personenkennzahl fürs Internet.

Gäbe es diese IP-Adresse, könnte die GVU auf die Pirsch gehen und Honeypots installieren, um Internetnutzer zum Datentausch zu animieren und anschließend — über die eindeutige IP-Zuordnung der User — wegen dieses Datentausches anzuzeigen.

Der Honeypot-Gedanke ist nicht unbegründet. 2006 ließ das Landeskriminalamt Baden-Württemberg Geschäftsräume der GVU durchsuchen, weil sie im Verdacht stand, den Administrator eines zentralen Austausch-Servers der Warez-Szene bezahlt zu haben, um an Log-Dateien und die IP-Adressen der User zu kommen. Damit dieser Server richtig flutscht, soll die GVU sogar die Hardware aufgerüstet haben. Das würde eine strafrechtlich relevante Beihilfe zur Verbreitung von Warez-Material bedeuten.

Bekäme jeder Bürger seine IP-Adresse an die Windel getackert, wäre die GVU auf solche Späße nicht mehr angewiesen. IP tracken, Abmahnung schreiben, Klage einreichen, abkassieren — ein herrliches Leben für die Medienkonzerne und ihre Satrapen.

Wie sie allerdings verhindern wollen, daß der dem Kindesalter entwachsene Bürger seine IP-Adresse covert, faket oder tarnt, muß Christian Sommer noch erklären. Jeder Kleinganove kann das Nummernschild, um im selten dämlichen Bild des GVU-Chefs zu bleiben, austauschen, um seine Spur zu verwischen. Das ist im Internet nicht anders. Wer Wikileaks zum Beispiel aufruft, dessen IP-Adresse wird heute schon verschleiert, um Rückverfolgungen durch die Schäubles dieser Welt zu verhindern. Das wird die GVU auch in Zukunft nicht verhindern können.

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