Rettet die dpa!

Geschrieben von messitschbyburns am 27. Dezember 2009 | Bommarius, Medien


Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) wird von der Konkurrenz attackiert. Der Deutsche Depeschendienst (ddp), Deutschlands zweitgrößter Nachrichtendienst, übernahm Anfang Dezember 2009 die deutsche Tochter der Nachrichtenagentur Associated Press (AP). Damit rückt ddp dem Platzhirsch immer näher.

Zuvor hatten Großabnehmer wie die WAZ-Gruppe und der Tagesspiegel ihre Verträge mit der dpa gekündigt. Prompt erhob sich ein großes Lamento im deutschen Feuilleton.

Unser Gschbusi Bouhsi jammert: “Wer weiß schon, wann die neuen ddp-Investoren die Lust am Nachrichtengeschäft wieder verlieren?” Und Bommel Bommarius stammelt konsterniert “Die dpa hat diesen Anspruch [auf Glaubwürdigkeit] seit ihrer Gründung 1949 mustergültig eingelöst … Die dpa [ist] nicht nur zur größten, sondern auch zur mit Abstand besten deutschen Nachrichtenagentur geworden.”1

Begleiten Sie uns, liebe Leser, auf eine Reise durch die Welt der glaubwürdigen, weil besten deutschen Nachrichtenagentur:

2. Juni 2007:

dpa meldet vom G8-Gipfel aus Rostock: “Um 17.30 Uhr werden die ersten Autos angezündet, während unweit vom Tatort auf der Kundgebungsbühne ein Redner die militante Szene noch mit klaren Worten aufstachelt: ‘Wir müssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts.‘”

Die Sätze “Wir müssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts” sind nie gesagt worden. Der zitierte Redner Walden Bello, philippinischer Soziologieprofessor und Träger des alternativen Nobelpreises, sagte wörtlich (hier als Videomitschnitt): “Two years ago they said: Do not bring the war into the discussions. Just focus on poverty reduction. Well, we say: We have to bring the war right into this meeting. Because without peace there can be no justice.” (Vor zwei Jahren hat es geheißen: Wir sollen den Krieg nicht in die Diskussion mit reinbringen. Wir sollen uns nur auf Armutsbekämpfung konzentrieren. Aber ich sage: Wir müssen den Krieg hier mit reinbringen. Denn ohne Frieden kann es auch keine Armutsbekämpfung geben.)

Diese Passage bezog sich auf den Irak- und Afghanistan-Krieg. Die Falschmeldung der dpa, in der die Agentur die G8-Gegner bezichtigt, den Krieg in die Demonstration tragen zu wollen, wurde von fast allen deutschen Medien übernommen.

13. Februar 2009:

Die Von Guttenberg GmbH sieht sich zu folgender Klarstellung veranlaßt: “Aufgrund nicht zutreffender Informationen (u. a. FOCUS online, Tagesspiegel, Spiegel online u. a. basierend auf einer dpa Mitteilung) wird unser Fachgroßhandel für Trockenbau, Isoliertechnik und Dämmstoffe mit dem CSU-Generalsekretär Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg in Verbindung gebracht. Hiermit informieren wir Sie darüber, dass es sich hierbei um Fehlinformationen handelt.”

17. März 2009:

dpa meldet: “Bio fürs Bett - Wissenschaftler entwickeln Potenzpille aus Pflanzen”. Die Erfindung des Bio-Viagras war eine Ente.

5. April 2009:

dpa meldet unter Berufung auf Bild am Sonntag: “Asylbewerber in Deutschland könnten nach einem Vorschlag der EU-Kommission künftig Anspruch auf Hartz-IV-Leistungen erhalten … Das Europaparlament [befaßt sich] derzeit mit der Richtlinie. Werde sie wie geplant im Mai verabschiedet, müssten in Deutschland per Gesetz Asylbewerber Sozialhilfempfängern gleichgestellt werden.”

In der genannten Richtlinie steht unter Punkt 73: “Bei der Berechnung des Betrags der Asylbewerbern zu gewährenden Unterstützung stellen die Mitgliedstaaten sicher, dass der Gesamtbetrag, auf den sich die Asylbewerbern im Rahmen der Aufnahme gewährten materiellen Leistungen belaufen, dem Betrag der Sozialhilfe entspricht, der eigenen Staatsangehörigen gewährt wird, die eine solche Unterstützung beantragt haben.”

Einen Satz zuvor stellt die Kommisssion klar: “Die materiellen Aufnahmebedingungen können in Form von Sachleistungen, Geldleistungen oder Gutscheinen oder einer Kombination dieser Leistungen gewährt werden.”

Kein Wort vom Anspruch der Asylbewerber auf Hartz-IV-Leistungen.

Am 19. April 2009:

Wahlkampfauftakt der SPD. In der Tagesschau wird dieses Plakat gezeigt:

yes_he_can.jpg

SPON ist ebenfalls beeindruckt, korrigiert sich aber später. Denn das Plakat “Yes, he can Kanzler!” ist ein Scherz von Extra 3.

dpa-Meldung zum Plakat: “‘Yes, he can Kanzler’. ‘Ja, er kann Kanzler’ - Aufschrift auf SPD-Plakaten zum Wahlkampfauftakt mit Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier am Sonntag in Berlin. Der Spruch ist eine Abwandlung des Wahlkampfmottos ‘Yes, we can’ von US-Präsident Barack Obama.”

16. Mai 2009:

dpa meldet einen Tag vor dem Finale des 54. Eurovision Song Contest in Moskau: “Das Signal für den Beginn der Abstimmung soll per Liveschaltung von der Internationalen Raumstation ISS kommen.”

Dienstplan der ISS-Besatzung: 6. Mai 2009, 19:15 bis 19:30: “TV Greetings to Parachute Research and Development Institute on the 50th Anniversary; TV Greeting to Eurovision Participants

Die Liveschaltung aus dem Weltall wurde elf Tage vorher aufgezeichnet.

8. Juni 2009:

dpa meldet: “In Schweden hat die für kostenlose Downloads aus dem Internet eintretende Piratenpartei [zur Europawahl] aus dem Stand 7,4 Prozent der Stimmen geholt und verbuchte so die größten Gewinne aller Parteien. Sie entsendet nach einer Prognose des TV-Senders SVT einen Abgeordneten nach Straßburg. Hintergrund für die Kandidatur war die Verurteilung von vier Verantwortlichen der Internet-Tauschbörse ‘The Pirate Bay’ wegen Verletzung des Urheberrechts. Die Börse ermöglicht das kostenlose Herunterladen von Musik, Filmen und Software.”

An dieser Meldung stimmt einiges nicht. dpa mußte sich am gleichen Tag korrigieren. Aus “Hintergrund für die Kandidatur war die Verurteilung” wird “Massiv an Popularität gewinnen konnte die 2006 gegründete Partei im April nach der Verurteilung”, aus “für kostenlose Downloads eintretende” wird “für ein minimal reglementiertes Internet mit dem Recht auf kostenlose Downloads und gegen die staatliche Überwachung von Telekommunikation eintritt”.

Selbst der Focus entschuldigte sich für die von ihm verbreitete Falschmeldung der dpa.

18. Juli 2009:

Unter der Schlagzeile “Zum Sterben heim in die Berge” schreibt die Zeitschrift Die Aktuelle, der Schauspieler Karlheinz Böhm hätte sich zum Sterben in die Berge zurückgezogen. dpa machte diese Boulevard-Behauptung zur Nachricht: “[Böhms Gesundheitszustand habe sich] so verschlechtert, dass er nicht mehr die Kraft habe, sich hundertprozentig für die von ihm gegründete Aktion ‘Menschen für Menschen’ in Äthiopien einzusetzen.”

Karlheinz Böhm dementiert umgehend: “Ich bin weder ‘müde’ noch habe ich ‘Äthiopien den Rücken gekehrt’. Mir geht es gut.”

24. Juli 2009:

Die EU veröffentlicht eine Arbeitszeitstudie. Aus dieser Studie errechnet sich für Deutschland eine Wochenarbeitszeit (inklusive bezahlter und unbezahlter Überstunden) von 41,2 Stunden. Die Welt schlußfolgert: “Damit gehört Deutschland zur europäischen Spitzengruppe”, und dpa meldet umgehend unter Berufung auf die Welt: “Studie: Deutsche arbeiten länger”.

Legt man jedoch die Arbeitszeit auf das Jahr um und berücksichtigt die in Deutschland besonders hohe Zahl freier Tage (Feiertage, Urlaub), ergibt sich eine Arbeitszeit von 1.650 Stunden. Der EU-Durchschnitt liegt bei 1.744 Stunden. Deutschland zählt also keineswegs zur europäischen Spitzengruppe. Diese korrekte Auswertung der EU-Statistik veröffentlichte die FAZ — nicht die dpa.

24. Juli 2009:

Die Augsburger Allgemeine interviewt Politrentner Günter Beckstein. Der erzählt von seinem Florida-Urlaub: “Um ein Haar wäre ich von einem Alligator gefressen worden! … Meine Frau und ich fuhren in einem Kanu durch die Everglades und beobachteten Schildkröten und riesige Alligatoren. Plötzlich kenterten wir. Doch Gott sei Dank griff uns kein Alligator an. Aber das war spannend. Echt toll!”

dpa meldet: “Bayerns ehemaliger Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU) wäre bei seinem jüngsten USA-Urlaub beinahe von einem Alligator gefressen worden.”

2. August 2009:

Ministerin Ursula von der Leyen im Interview mit dem Hamburger Abendblatt: “Wir werden weiter Diskussionen führen, wie wir Meinungsfreiheit, Demokratie und Menschenwürde im Internet im richtigen Maß erhalten.”

Daraus macht dpa die Meldung: “Von der Leyen will gegen rechte Inhalte vorgehen”.

Man kann von der Leyen viel vorwerfen. In diesem Interview sprach sie aber nicht davon, gegen rechte Inhalte vorgehen zu wollen. Bei Heise wurde die Falschmeldung entsprechend korrigiert.

10. September 2009:

dpa meldet: “In der kalifornischen Kleinstadt Bluewater soll es nach einem Bericht des örtlichen Senders vpk-tv zu einem Selbstmordanschlag gekommen sein. Es habe in einem Restaurant zwei Explosionen gegeben, berichtete der Sender. Die Polizei sei im Einsatz und habe das Restaurant evakuiert. Ob Menschen zu Schaden kamen, sei unklar. Das Restaurant wirkte auf ersten Bildern nicht zerstört. Die Täter wurden von dem Sender als arabisch-stämmig beschrieben.”

Das ist eine monströse Fälschung, die die dpa ungeprüft übernahm. Markus Mittermeier und Jan Henrik Stahlberg benutzten den Nachrichten-Fake als Werbung für ihren Film “Short Cut to Hollywood“.

23. Oktober 2009:

dpa meldet: “Der niedersächsische Vize-Ministerpräsident Philipp Rösler (FDP) wird wahrscheinlich neuer Gesundheitsminister … Der studierte Augenarzt hat zusammen mit Ursula von der Leyen (CDU) den Gesundheitskompromiss der neuen schwarz-gelben Koalition ausgehandelt.”

Die dpa-Kunden übernehmen die Meldung am gleichen Tag: “Der studierte Augenarzt (Bild), “Ein Augenarzt mit Durch- und Weitblick” (SPON).

Auf der Website des Gesundheitsministers steht allerdings: “ACHTUNG, wichtiger Hinweis: Entgegen vielerlei Presseartikeln und Berichten bin ich NICHT Facharzt für Augenheilkunde, sondern von Beruf einfach Arzt.”

16. November 2009:

Das Statistische Bundesamt veröffentlicht eine Pressemitteilung: “Ende September 2009 waren in den Betrieben des Verarbeitenden Gewerbes mit 50 und mehr Beschäftigten gut fünf Millionen Personen tätig. Das waren rund 233.000 Personen oder 4,4% weniger als im September 2008.”

Bild schrieb die Pressemitteilung ein wenig um: “Wegen der Krise — 1,2 Millionen Jobs in Industrie weg!”

Daraus machte dpa (unter Berufung auf Bild) diese Meldung: “Die Wirtschaftskrise hat seit Jahresbeginn allein in der deutschen Industrie rund 1,2 Millionen Arbeitsplätze vernichtet.”

Nachdem der Unsinn aufflog, schob Bild eine Berichtigung nach, und dpa zog die Meldung zurück.

8. Dezember 2009:

dpa verbreitet eine Pressemitteilung, wonach die Neustrukturierung der Stiftung “Flucht, Vertreibung, Versöhnung” und eine Erweiterung des Stiftungsrates um drei Mitglieder geplant sei.

Die Pressemitteilung und die zugehörige Website sind ein Projekt des Aktionskünstlers Philipp Ruch. Die glaubwürdige, weil beste deutsche Nachrichtenagentur dpa gab den Fake als Meldung heraus, unter Verzicht auf eigene Recherchen.

Sie sehen, liebe Leser: Die Presseagentur dpa ist unersetzlich. Wer sollte denn die vielen Enten, Lügen und Falschmeldungen ungeprüft verteilen, um sie von den deutschen Qualitätsmedien — ebenfalls ungeprüft — verbreiten zu lassen, wenn nicht dpa?

  1. Bommarius’ unterwürfige dpa-Speichelleckerei wurde von der BLZ nicht online archiviert. Das ist eine clevere Entscheidung. Im möglichen Fall einer Kündigung des dpa-Vertrags durch die neuen BLZ-Besitzer werden die Geschäftsbeziehungen zum ddp nicht mit merkbefreiten Kommentaren alter Männer belastet, deren dahingebrabbelte Wortfolgen durchs Archiv geistern. []

2 Kommentare ↓

#1 Guest am 27.12.09 um 19:50

Danke für die Belege.
Fällt mir immer wieder auf, dass die dpa Meldungen eine Spur mehr Schlamm, Hetze, Polemik drin haben als unbedingt nötig. Die Ursprungsnachricht wird etwas aufgefrischt, neu akzentuiert und die Botschaft muss dem Abnehmer gefallen, dann kommt das ganze in Umlauf. Die Auswahl, was überhaupt eine Meldung ist und was nicht, kommt noch dazu. Am Ende ergibt das den Einheitsnachrichtenbrei, den wir alle im Netz lesen.

#2 10 Beispiele, warum Journalisten Nachrichtenagenturen auch mal misstrauen sollten bei Metronaut.de - Big Berlin Bullshit Blog am 09.01.10 um 18:06

[…] nicht ganz ungefährlich ist, belegen die folgenden Beispiele. Messitsch by Burns hat einmal die großen Fehler der dpa der letzten Jahre zusammengestellt, Stefan Niggemeier zeichnet umfassend nach wie eine ungeprüfte (und falsche) […]

Mein Kommentar: