Gorillaz
21. November 2010
Berlin, Velodrom
Vor dem Konzert wollte ich die Eintrittskarte verschenken. Zwar bin ich Gorillaz-Fan der ersten Stunde, und Damon Albarn ist sowieso ein Wunderknabe. Er schrieb mit Blur Musikgeschichte und gehört zu den wenigen Musikern, die den Britpop-Hype glänzend überstanden haben.
Doch Albarns Live-Performance kann sehr anstrengend sein. Der Künstler leidet gern an der ganzen Welt. Dann schlurft er mürrisch über die Bühne, wie in vielen Videoschnipseln auf YouTube zu sehen – oder live im Februar 2007, als er mit The Good, The Bad & The Queen im Berliner Postbahnhof spielte. Ein öde genuscheltes Konzert, nervös und übellaunig, abschreckend für die Ewigkeit.
Dazu die trüben Aussichten für das Gorillaz-Konzert. Tritt die Band kostümiert auf? Oder nur als Video? Sind die »Plastic Beach«-Gastmusiker dabei? Wird der Sound in der konkaven Radrennbahn wieder so furchtbar scheppern?
Alles nicht sehr prickelnd. Ich wollte die Karte loswerden. Lieber 60 Euro in den Sand gesetzt, als mich über Schrott zu ärgern, dachte ich. Es fand sich aber niemand, der die Karte haben wollte. Fatalistisch programmiert und nichts Gutes erwartend, ging ich ins Velodrom.
Die 60 Euro waren die beste Investition meines Lebens.
Man kann für das, was im Velodrom passierte, nicht das kleine, unschuldige Wort »Konzert« verwenden. Ein Konzert hat man alle Tage, die Gorillaz einmal im Leben. Nein, diese Show war kein Konzert. Sie war ein epochales Ereignis.
Die Götter der guten Musik schlugen für 120 Minuten den Vorhang beiseite, um uns einen Blick in die Zukunft zu gestatten. Was wir sahen, war so unfassbar, so gleißend hell und alle Sinne überflutend, dass es Tage dauerte, um zu begreifen: man war Zeuge eines historischen Moments.
Die Gorillaz traten nicht als Comic-Band auf. Die prominenten Gäste Mick Jones (git) und Paul Simonon (b, beide von The Clash) waren stilecht in Matrosenkluft gekleidet, mit Kapitänsmütze und blau-weiß geringelten Shirts. Ihr Boss Damon Albarn trug rot-schwarze Ringelstreifen unter einer abgeschabten Lederjacke. Man hätte ihm auch eine Dreieckbadehose verziehen, so verflucht gut gelaunt, wie er war.
Damon Albarn wurde zum großen Jungen. Er lachte und grinste und kasperte auf Deutsch mit dem Publikum. Er quirlte über die Bühne, lief zum Publikum und schüttelte die hochgereckten Hände. Er schien so unfassbar glücklich, als feiere er seinen eigenen Kindergeburtstag. Immer wieder sprang er in die Luft, wie ein Kobold im Lederwams, der seine überschäumenden Emotionen rauslassen muss, um nicht zu platzen: »Heute hol ich der Königin ihr Kind!«
Dabei führte er seine Mannschaft, wie nebenbei, und hatte in jeder Sekunde alles im Griff. Das war schon deshalb bemerkenswert, weil die Gorillaz in ganz großer Besetzung anreisten. Auf der Bühne standen oder saßen: sieben Streicher (sinfonia ViVA), acht Bläser (Hypnotic Brass Ensemble), zwei Drummer, drei Backgroundsänger/innen, ein Keyboarder. Dazu Mick Jones, Paul Simonon, Neneh Cherry, De La Soul, Bobby Womack, Rosie Wilson, Bootie Brown (Pharcyde), Bashy, Kano, MF Doom (mit De La Soul), Yukimi Nagano (Little Dragon) und sechs Musiker des Syrian National Orchestra. Zu Beginn brummelte Snoop Dogg lässig in einer Videoeinspielung: »Welcome to the Plastic Beach«.
Sie traten nicht alle gleichzeitig auf, aber ihre Bühnenpräsenz, ihr reibungsloser Wechsel und das organische Verweben von Musik, Licht und bewegten Bildern war atemberaubend, trotz des dröhnenden Hallensounds. Denn die Musik war nur ein Teil der Show.
Auf dem Bühnenhintergrund lief zu fast jedem Song eine animierte Story. Diese Zeichentrickfilme sind größtenteils bekannt – aber was ist das »Stylo«-Video auf YouTube gegen die Wucht von »Stylo« auf der Bühne, wenn ein meterhoher Bruce Willis im fetten roten Chevrolet El Camino den fetten schwarzen Chevrolet Camaro SS von Murdoc perforiert und Noodle mit den Lippen die Gesangsparts von Damon Albarn und Bobby Womack formt, während die echten Damon Albarn und Bobby Womack vor der Projektionswand stehen und die gleichen Parts singen, wiederum lippensynchron zu den Trickfiguren, begleitet vom rhythmischen Pumpen der Band?
Wo sollte man zuerst hinhören und -sehen? Es war ein Generalangriff auf die Sinne, gesteigert durch das gnadenlose Kontrastprogramm zwischen dem coolen, wie im Halbschlaf näselnden Damon Albarn und den depressiven Bildern hinter seinem Rücken.
Damon Albarn ist Realist, nicht Optimist. Die Welt ist eine blutige Kloake, in der noch der letzte verdreckte Köter den stillen Regenwurm zerbeisst. Wie in »El Mañana«: Noodles lebt allein auf einer schwebenden Insel, die von einem Windmühlenleuchtturm in Balance gehalten wird. Noodles ist melancholisch, aber glücklich. Ein Kampfhubschrauber zerstört die Idylle. Er durchlöchert den Turm, schiesst die Flügel in Brand und klinkt über der abstürzenden Insel eine Bombe aus. Menschen kennen keinen Frieden.
Man muss dieses Video sehen und dazu Damen Albarns aufreizend lässige Stimme hören. Man muss den Bass von Paul Simonon spüren und die Streicher im Dunkel der Bühne ahnen, die das Drama stoisch begleiten, wie Wesen aus einer Schattenwelt. Man muss die Zuschauer sehen, die nach dem letzten Takt mit bleichen Gesichtern um Fassung ringen.
Sechs Augen und acht Ohren hätte es gebraucht, um jedes Detail in sich aufzusaugen. Wenn die Erfindung von Dolby Surround 7.1 überhaupt einen Sinn hat, dann als Mitschnitt dieser Show.
Der Überfluss an hochkarätigem Personal war spektakulär. Neneh Cherry schlenderte auf die Bühne, sang eine wirklich winzige Zeile in »Kids with Guns«, schrie noch mal aus Leibeskräften, winkte ins Publikum und trat in aller Ruhe ab. Was für eine herrliche Verschwendung!
Dass De La Soul aus einem anderen Jahrhundert stammen, hört und sieht man. Aber wehe, wenn sie losgelassen – dann werden sie zu Tieren, zu Berserkern mit baumdicken Oberarmen und riesigen Lungen, aus denen sie die Luft pressen und brüllen, brüllen, brüllen, ohne Pause. Man fragt sich, ob ihnen nicht schwarz vor Augen wird, doch sie brüllen immer weiter, und sie hören erst auf, wenn Damon Albarn mit dem Kopf nickt und der Song zu Ende ist. Dann gehen sie lachend von der Bühne, wahrscheinlich direkt ins Sauerstoffzelt.
Und Bobby Womack: Was für ein Mann! Er steckt in einem silbrig aussehenden Anzug, wie in ein einer dicken Fischhaut, öffnet den Mund – und die Welt steht still. Wo, zum Teufel, lernt man, so zu singen? Ist es eine Gottesgabe oder die Frucht jahrzehntelangen Übens? Wenn er in »Stylo« singt und in »Cloud Of Unknowing«, mit dieser mächtigen, warmen Soulstimme, die den Teufel aus jeder Kirche jagt, dann gerinnt einem das Blut vor Ehrfurcht und Respekt. Man hält den Atem an, um diesen großen Mann nicht mit dem Gerassel eigener Nichtigkeit zu stören.
Alles ordnet sich dem Ereignis unter. Mick Jones und Paul Simonon sind nicht die Stars von The Clash, sie sind einfache Mitglieder des Ensembles »Gorillaz«. Das Hypnotic Brass Ensemble marschiert zu »Broken« auf und bläst ein ohrensausendes Finale, das es in diesem zarten Song eigentlich gar nicht gibt. Yukimi Nagano schluchzt »To Binge« und wird von ihrem Duettpartner Damon Albarn mit einem Kniefall angeschmachtet. Die Musiker des Syrian National Orchestra setzen sich höflich auf ihre Stühle, spielen ihren fernweh-satten Part in »White Flag« und schauen Damon Albarn zu, der mit einer riesigen weißen Flagge über die Bühne rennt. Er ist ein genialer Kindskopf, der seinen Sandkasten gefunden hat.
Ein sehr aufwändiger Sandkasten. »Gorillaz may quit playing huge gigs after current tour«, sagte Damon Albarn im Dezember. Die Band kann in dieser Größe und in diesem Tempo nicht weitermachen. Im Januar endet die »Plastic Beach«-Tour, dann will Damon Albarn entscheiden, ob die Gorillaz auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs abtreten werden. Sollten sie aber weitermachen: Gehen Sie hin!
Die Setlist, wie immer ohne Gewähr:
- Orchestral Intro
- Welcome To The World Of The Plastic Beach (Hypnotic Brass Ensemble, Snoop Dog)
- Last Living Souls
- 19/2000 (Rosie Wilson)
- Stylo (Bobby Womack, Bootie Brown)
- On Melancholy Hill
- Rhinestone Eyes
- Kids With Guns (Neneh Cherry)
- Superfast Jellyfish (De La Soul)
- Tomorrow Comes Today
- Empire Ants (Yukimi Nagano)
- Broken (Hypnotic Brass Ensemble)
- Dirty Harry (Bootie Brown)
- El Mañana
- White Flag (Syrian National Orchestra, Bashy, Kano)
- To Binge (Yukimi Nagano)
- Dare (Rosie Wilson)
- Glitter Freeze (Mark E. Smith)
- Punk
- Plastic Beach
- Cloud Of Unknowing (Bobby Womack)
- Feel Good Inc. (De La Soul)
- Clint Eastwood (Bashy, Kano)
- Don’t Get Lost In Heaven
- Demon Days
3 Kommentare ↓
Und wer bisher nicht wußte, was Euphorie ist, der weiß es jetzt … Mensch, Jürgen, warum vorher so viele Vorurteile?
GvH
Und, äääh, wie wir hier erkennen, war MES an diesem Tag in Bern:
http://z1.invisionfree.com/forums/thefall/index.php?showtopic=28376
GvH
Vorurteile weniger, eher trübe Erfahrungen. Aber man kann sich ja eines Besseren belehren lassen :)
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