Devendra Banhart
“Smokey Rolls Down Thunder Canyon”
(p) 2007, XL Recordings

Ein Wolkenschaf mit Rauschebart. Spinnert wie ein großer Junge, der sich eine Jesuslockenperücke aufsetzt und über seine eigene Maskerade kichert. Doch an Devendra Banhart ist alles echt. Die pechschwarzen Haare und der herrliche Bart. Die großen dunklen Augen, mit denen er von der Bühne ins Publikum zwinkert und Frauen, Männer und alles dazwischen um den Verstand bringt. Die Stimme, so samten und hell, mit einem leichten Vibrato wie bei Mark Bolan, Gott hab ihn selig.
Devendra Banhart macht seit seiner späten Kindheit Musik. Da ist er nicht der einzige; die Armee der verkannten Talente ist die mächtigste in der Geschichte der Menschheit. Glücklicherweise nahm Michael Gira, Gründer und Bestatter der Swans, Devendra Banhart im Jahr 2000 auf seinem Label Young God Records unter Vertrag. Über die Vorgeschichte kursieren mehrere Anekdoten, eine glaubhafter als die andere, aber entscheidend sind die Ergebnisse: Vier CDs zwischen 2002 und 2005, zuletzt Cripple Crow mit sage und schreibe 22 Titeln.
Der gebürtige Texaner Devendra heißt Devendra, weil seine Eltern — und später auch ihr Sohn — einen indischen Mystiker verehrten. Die Eltern marschierten mit dem Foto des Neugeborenen zum Meister, um ihn bei der Namensfindung um Rat zu bitten. Der weise Mann rief: “Devendra!” Und so geschah es, daß in Texas lebende Männer nicht nur George oder Walker heißen.
Der mystische Hintergrund ist nicht unwichtig für seinen Werdegang. Devendra Banhart ist ein Wandler zwischen musikalischen, kulturellen, ästhetischen und vermutlich auch sexuellen Welten. In Fotoshootings inszeniert sich der dürre Hering aufwendig als zwittriges Fabelwesen mit filigraner Hennabemalung, goldgewirkten Gewändern, farbenprächtigem Kopfputz und buntbesticktem BH. Die Exotik wird noch durch seine eigentliche Muttersprache verstärkt. Als der Knabe zwei Jahre alt war, zog seine Mutter mit ihm nach Venezuela. Dort wuchs er spanischsprachig auf; bis heute singt er teilweise Spanisch.
Seine Lieder sind die Quintessenz dessen, was unter New Folk summiert wird. Zwar klebt dieses Etikett auch an singenden Nasenbohrern wie Joanna Newsom, doch bei Devendra Banhart trifft es den Kern. Er komponiert Songs in der rührenden Einfachheit und Naivität eines Kinderliedes. Zuweilen scheint er, übermütig kickernd und gackernd, nach einer Idee zu greifen, die ihm durch den Kopf schwirrt und die er sofort ins Mikro prusten muß. Seine Heiterkeit ist ansteckend; auch das unterscheidet ihn vom aufgepupsten Bedeutungsquark seiner kollegialen Schlaftabletten.
Banhart sprüht vor Einfällen. Wie eine unlöschbare Wunderkerze hüllt er den Raum in einen Funkenregen aus warmem Licht. Dabei instrumentiert er seine Songs sehr sparsam. Im Grunde erfüllt er das Klischee “Ein Mann und seine Gitarre”. Doch dieses Bild trügt. Die Credits-Liste im gekrikelkrakelten Booklet ist lang; von Flöte und Tabla über Cello, Trompete und Violine bis zur Wurlitzer-Orgel und anderen Instrumenten wird vielen Mitmusikern gedankt. Man liest die Liste und staunt: Die haben alle mitgewirkt? Ja, aber dezent; hier ein Tupfer, da ein Flötenhuscher, ein leises Tablagrummeln, ein gospeliger Backgroundchor. Die Intimität seiner Musik gibt Devendra Banhart niemals preis.
Die kleinen Songs wurden mit den Jahren reifer und runder. Zum Glück, denn die Spillrigkeit der frühen CDs zu konservieren hieße, sie zur Marotte erstarren zu lassen. Das Leben geht weiter, die nächste Stufe der Erleuchtung wartet. Cripple Crow markierte einen Übergang; Smokey Rolls Down Thunder Canyon könnte der Beginn eines neuen Abschnitts sein.
Vielleicht erreicht Devendra Banhart irgendwann ein größeres Publikum außerhalb der Feuilletons. Zu wünschen wäre es ihm.

Devendra Banhart mit kurzem Bart und erotischen Brustwarzen.
Foto (c) by Elizabeth Weinberg
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