Die stolze West-Berlinerin Dagmar Metzger bekommt nun ihre 15 Minuten Ruhm. Weil sie sich aus Gewissensgründen außerstande sah, ihre Parteichefin Andrea Ypsilanti mit den Stimmen der Linkspartei zur hessischen Ministerpräsidentin wählen zu lassen, avancierte sie über Nacht zu Parteirebellin.
Dabei wird übersehen, daß Daggi keineswegs aus Gewissensgründen handelt. Ihre vorgeschobenen Argumente sind so lächerlich, daß es schon wieder weh tut:
“‘Ich bin selbst West-Berlinerin, ich bin zur Zeit der Mauer aufgewachsen, ich habe erlebt, wie die Mauer eine Familie getrennt hat’, sagte sie. ‘Die Linken sind für mich im Moment überhaupt nicht einschätzbar.’”
Abgesehen davon, daß sich Daggi mit diesem Satz als typische Westberliner Kiezbirne outet, die ihren Lebensmuff aus der guten alten, höchstsubventionierten Mauerzeit wie einen Phantomschmerz im Herzen trägt; aus einer Zeit also, in der sie dank exorbitanter — vom Bund finanzierter — Zulagen und Steuererleichterungen ein überdurchschnittliches Einkommen verplempern konnte, was mit dem Mauerfall schlagartig beendet wurde und bei ihr wohl einen ewigen Groll auf “die Kommunisten” einpflanzte, die als Nebeneffekt der Maueröffnung das miefige Biotop Westberlin auflösten — abgesehen davon also ist die Gleichsetzung der Linkspartei mit der SED über die Krücke “die Linken” derartig hirnverbrannt, daß man sich fragen muß, auf welchem Weg es ein intellektuell beschämendes Parteimitglied wie Daggi Metzger auf die Kandidatenliste der SPD schafft. Das klappt eigentlich nur, wenn der Schwiegervater ein einflußreicher SPD-Funktionär ist, der die potentielle Kandidatin aus Berlin in den westdeutschen SPD-Filz lotst und dort für die richtigen Kontakte sorgt.
Et Voilà: Daggis Schwiegervater Günther Metzger regierte in Darmstadt als Oberbürgermeister, war SPD-Abgeordneter im Bundestag und dort stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion. Für Daggi also ein fliegender Wechsel; aus dem Muff in den Muff. Man kennt sich, man hilft sich.
Wenn Daggi meint, die Linken — also die Linkspartei - seien für sie “im Moment überhaupt nicht einschätzbar”, bewegt sie sich an der Grenze zur Debilität. Wir schreiben das Jahr 18 der Wiedervereinigung, und die Transformation der PDS zur Linkspartei vollzog sich nicht im Verborgenen. Wer also diesen Prozeß verfolgte — und von einer Landtagsabgeordneten darf man erwarten, sich auch mit den anderen Parteien befaßt zu haben — und nach 18 Jahren immer noch keinen Schimmer von den Linken hat, ist entweder saublöd oder ein Ignorant. Such dir was aus, Daggi.
Die Linkspartei für den Mauerbau in Haftung zu nehmen bedeutet u.a., sämtliche westdeutsche Mitglieder der WASG, die 2007 in die Linkspartei eintraten, für Walter Ulbrichts ostdeutsche Entscheidung aus dem Jahr 1961 zu bestrafen. Das ist ganz großes Kino, Daggi.
Das können wir aber überbieten. Wir stellen uns mal ganz dumm und kommen auf den 14.08.1914 zurück, als die SPD den Krediten für den 1. Weltkrieg zustimmte. Unser Gewissen könnte dann sagen: Nie wieder Krieg, nie wieder Kriegspartei — nie wieder SPD. Daß die SPD des Jahres 2008 nicht mehr die SPD des Jahres 1914 ist, soll uns schnurz sein. Ist das nicht geil, Daggi?
Aber es wird noch geiler. Du bist Aufsichtsratsmitglied der HEAG Südhessische Energie AG (HSE), stimmt’s? Stimmt. Wie jeder deutsche Energieerzeuger hat die HSE nicht das geringste Interesse an einer Modifizierung der verkrusteten deutschen Energiepolitik. Das Monopol soll bleiben, was es ist: Garantie für Höchstprofite, solange die Erde sich dreht.
Eine Landesregierung aus SPD und Grünen könnte mit Unterstützung der Linkspartei ein klein wenig frische Luft in die Abzockerstuben der Energiekonzerne wehen lassen. Nur ein ganz klein wenig. Aber selbst diese laue Lüftchen ist für die Konzerne undenkbares Teufelszeug, das es zu verhindern gilt. Die Rendite regiert. Da ist kein Platz für ökologisch geprägte Gedankenspiele.
Und nun wurde diese politische Konstellation beerdigt. Wegen deines Gewissens. Das ist bestimmt Zufall, Daggi.
Oder sehen wir demnächst deinen Wechsel aus der Politik in die sogenannte freie Wirtschaft? Vielleicht in die Energiewirtschaft, wie Wolfgang Clement? Das wäre wohl auch nur ein Zufall.
Allerdings ein ganz dummer.

Das Gesicht zum Gewissen:
Daggi Metzger, West-Berlinerin.
1 Kommentar ↓
Man beachte die schwimmenden Augen in ihrem durstigen Blick, dann weiß man mehr….
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