Was wirklich wichtig ist (3)

Geschrieben von admin am 17. März 2011 | Was wirklich wichtig ist


Vier japanische Atomkraftwerke zerbröseln Stück für Stück. Niemand weiß, ob es zur Kernschmelze und zum GAU kommen wird. Man könnte sich Gedanken über die Endlichkeit des Lebens machen, vielleicht im Dunkeln, um Energie zu sparen, und dabei schweigen.

Einer schweigt nicht. Martin Oetting ist tief betroffen. Das ZDF bringt ihn in Wallung.

Am 12. März schnitt das heute-journal Bilder der Katastrophe zu einem Video zusammen und unterlegte den Film mit dem Song “Teardrop” von Massive Attack: (hier auf Youtube)

zdf_japan_massive_attack.jpg

Bürger Oetting war außer sich vor Wut. Er schleuderte dem ZDF einen Offenen Brief ins elektronische Postfach:

“Sehr geehrte Damen und Herren,

ich muss Ihnen sagen, dass mich Ihr geschmackloses “Musikvideo” zur Flut-, Erdbeben- und Atomkatastrophe wirklich verstört hat.

Dass Sie nicht davor zurückschrecken, diese schlimmen Bilder zum Rhythmus von Musik zu schneiden, also daraus sozusagen eine Unterhaltungsshow zu formen, ist aus meiner Sicht schockierend. Ich weiß nicht, was in Ihre Redakteure gefahren ist. Und ich hoffe, dass ich so etwas in Ihrem Programm nie wieder sehen muss.

Ihr Programm einfach nicht mehr anzusehen, ist vermutlich das beste Mittel dafür.

Mit mühsam freundlichen Grüßen,

Martin Oetting”

Köstlich. Der deutsche Kleingeist marschiert.

Wutbürger Oetting definiert das Video als geschmacklos. Damit schwingt er sich zum Hüter und Vollstrecker des guten Geschmacks auf: “Was geschmackvoll ist, bestimme ich!”

Als Ausdruck äußerster Verachtung setzt er das Wort Musikvideo in Anführungszeichen. Das kennt man von früher, als “Modernismus” und “Formalismus” kulturpolitisch geächtet und im ND in Gänsefüßchen geschrieben wurden, worauf der staatskonforme Bürger nur noch seinen Womacka übers Sofa hängte.

Schließlich stampft Wüterich Oe. ganz fest mit dem Fuß auf: “Ich hoffe, dass ich so etwas in Ihrem Programm nie wieder sehen muss.” Auch damit wiederholt er ein altes Schema. Mit dem Satz “Unsere Bürger wollen das nicht” würgten die Parteifunktionäre in der DDR alles ab, was nicht ins Leitbild vom sozialistischen Menschen passte. Der deutsche Biedermann fühlt sich eben in jeder Gesellschaftsform zu Hause — und schweigt, wo er sich empören müsste.

Zum Beispiel am Montag. Da schickte die Wochenzeitung Die Zeit eine Massenmail an ihre Leser. Auch wir erhielten dieses Angebot:

zeit_umfrage_s.jpg

Auf den ersten Blick eine von vielen Leserumfragen, bei näherer Betrachtung eine versteckte Abowerbung:

“Als Dankeschön möchte DIE ZEIT Sie in den kommenden 3 Wochen kostenlos mit Analysen und Hintergrundberichten über die Ereignisse in Japan und ihre Auswirkungen informieren.”

Dass Printmedien Abonnenten werben, ist verständlich. Weniger nachvollziehbar ist die Verknüpfung der Werbung mit dem Reaktorunglück in Japan.

Hier hätte Videokunstexperte Oetting seine Empörungsmaschine anwerfen können. Doch eine Abowerbung mit 4.000 Todesopfern und der radioaktiven Verseuchung einer Küstenregion ist wohl nicht schockierend genug. Schließlich gilt Die Zeit bei Wutbürgern mit Abitur als honorige Wochenzeitung. Der sturzbetroffene Teilzeitempörer reagiert sich woanders ab.

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