Earth
“The Bees Made Honey In The Lion’s Skull”
(p) 2008, Southern Lord Records

Ein breiter, schlammiger Fluß wälzt sich träge im Sonnenglast. Kleine Wellen kräuseln sich. Lautlos furchen Alligatoren durch das Wasser. Stille. Nichts drängt. Die Zeit versumpft.
Langsam, ganz langsam treibt ein Floß vorbei. Dylan Carlson sitzt gekrümmt auf einem Schemel. Wie eine uralte Schildkröte, jenseits von Gut und Böse. Die Gitarre ruht auf seinem Bauch. Er nimmt ein Plektrum in die Hand und schaut den Alligatoren nach. Hebt die Hand und beginnt zu spielen. Ganz ruhig. Der erste Ton schwingt über das warme, braune Wasser. Die Krokodile gleiten weiter. Der zweite Ton steigt empor, flirrt wie eine Fata Morgana, bricht sich an den Ufern und kehrt langsam, ganz langsam als Echo durch die backofenheiße, sirupdicke Luft zurück. Earth füllen sie mit ihrer drückend schweren Musik.
Der Sound von Earth ist lethargisch. Aber Earth pflegen weder Depressionen noch Todessehnsüchte. Es gibt kein satanisches Grunzen und kein Gröhlen. Es gibt überhaupt keinen Gesang. Dylan Carlson, der seine Band entweder als Duo oder, wenn es hoch kommt, als Trio in der kargen Formation Gitarre, Baß und Schlagzeug betreibt, betrachtet Earth als Medium für seine schwingende und singende Gitarre. Zu Beginn übrigens unterstützt von Joe “Melvins” Preston, der tatsächlich ein goldenes Händchen für gute Musik besitzt und allmählich einen Platz im Museum der guten Taten erhalten sollte.
Earth werden oft als Doom eingetütet. Vielleicht, weil Dylan Carlson die Kunst der Langsamkeit pflegt. Allerdings ist Langsamkeit kein Alleinstellungsmerkmal des Doom. Wer sich noch an die grandiosen und vermutlich schon während ihrer aktiven Zeit vergessenen Codeine und ihr 1990er Debut Frigid Stars LP erinnert, weiß, daß Langsamkeit und Doom zwei sehr verschiedene Paar Schuhe sein können. Earth pflegen zwar einen gänzlich anderen Stil als Codeine, stehen ihnen aber trotzdem wesentlich näher als einer beliebigen Doom-Band.
Dylan Carlson gründete Earth im Jahr 1990. Seither sind immerhin 14 CDs erschienen; EPs, Split-CDs und Live-Alben eingerechnet. Für einen Mann der bedächtigen Gangart nicht schlecht. Für ein Label ist Carlsons stoische Ruhe weniger prickelnd. Sub Pop Records nahm Earth 1990 unter Vertrag, veröffentlichte eine EP (Extra-Capsular Extraction, 1991) und zwei CDs (Earth 2, 1993, und Phase 3: Thrones and Dominions, 1995), warf die Band 1995 wegen ihres ungerührten Leck-mich-Phlegmas raus — und holte sie 1996 zurück. Earth dankten es im gleichen Jahr mit der höchst eigenwilligen CD Pentastar: In the Style of Demons und lösten sich kurze Zeit später auf. Gemerkt hat das vermutlich keiner, denn die Band existierte damals am äußersten Rand der öffentlichen Wahrnehmung. Heute mögen immerhin ein paar Zentimeter zwischen ihnen und dem Rand liegen.
Seit 2002 treten Earth wieder auf; jetzt in der Besetzung Dylan Carlson und Adrienne Davies (dr), mit der Carlson auch Tisch und Bett teilt. Es folgte ein Vertrag mit Greg Andersons und Stephen O’Malleys Label Southern Lord Records, der Heimat des Wahren, Schönen und Guten. Hier veröffentlichten Earth — neben dem Intermezzo Hibernaculum — plötzlich zwei prachtvolle Alben: Hex: Or Printing in the Infernal Method (2005) und The Bees Made Honey In The Lion’s Skull. Der Kreativitätsschub kam spät, aber er kam.
The Bees Made Honey In The Lion’s Skull ist nicht nur unaufgeregt, sondern geradezu meditativ. Ein minimalistisch zelebriertes, zeitvergessenes Werk, bei dem man glaubt, die derb angerissenen Gitarrensaiten ausschwingen zu sehen. Neben Adrienne Davies sind Steve Moore (org, piano) und Don McGreevy (b) mit von der Partie — und die Legende Bill Frisell. Dessen glasklare Gitarre harmoniert in drei Songs (Omens and Portents I: The Driver, Miami Morning Coming Down II (Shine) und Engine of Ruin) mit Carlsons dunkel gestimmtem Instrument — ja, harmoniert, nicht konkurriert. Sie ergänzen sich, schrauben sich umeinander, lassen sich treiben, fügen sich in den Kontext der CD ein. Frisells Anteil hebt diese Songs keinen Millimeter über die anderen Titel, wie man befürchten könnte.
Wir bemühen an dieser Stelle ein abgegriffenes Wort und empfehlen, die CD immer und immer wieder zu hören. Erst dann wird man nicht nur akustisch registrieren, sondern geradezu sinnlich spüren, daß manche Songs in eine herzerwärmende Hammondorgel eingebettet sind wie in ein weiches Sofakissen. Man wird ein leise perlendes Piano entdecken oder eine angedeutete Jazzstimmung. Und man wird sich selbst beim Mitsummen und -brummen ertappen. Wahrlich, Doom ist etwas anderes. Wer Earth kategorisieren möchte, der sortiere sie eher bei Atmospheric Ambient Drone ein. Mit dem Zusatz Ultra Heavy, Ultra Slow.
Die Musik von Dylan Carlson ist eine endlose Abfolge des Werdens und Vergehens, ein gleichmäßiges Auf und Ab; geschrieben im Bewußtsein, daß letztlich alle Mühen vergebens sind. “Ein jegliches hat seine Zeit”, weiß der religiöse Dylan Carlson, und auch: “Man arbeite, wie man will, so hat man doch keinen Gewinn davon.” Aus Nacht wird Tag wird Nacht wird Tag. “From Strength, sweetness. From darkness, Light, The bees made honey in the Lion’s Skull”, schreibt Carlson ins Booklet. Also sitzt er auf seinem Floß, treibt gelassen an uns vorbei und läßt dunkel dräuende Soundarabesken über den schwülwarmen Fluß in unsere Herzen schlieren. Er muß sich und uns nichts beweisen. Die Welt zieht ihre Bahn, zur Not auch ohne uns.
Der CD liegt ein vorzüglich gestaltetes, vierfarbig und hochglänzend gedrucktes Booklet bei. Das Jewelcase wiederum steckt in einem tiefschwarzen Slipcase, auf dem der Name der Band und der Titel der CD in goldenen Lettern gedruckt sind.
Dieser Aufwand ist dem Ursprung des Titels angemessen. Denn die Worte The Bees Made Honey In The Lion’s Skull sind dem Buch der Richter im Alten Testament entlehnt:
“Siehe, da war ein Bienenschwarm in dem Leibe des Löwen und Honig. Und er nahm davon in seine Hand und aß unterwegs und ging zu seinem Vater und zu seiner Mutter und gab ihnen, dass sie auch aßen.”
Der legendäre Samson, der einen Löwen erschlug und später im Kadaver einen Bienenschwarm entdeckte, gab den Philistern ein Rätsel auf: “Speise ging aus vom Fresser und Süßigkeit vom Starken.” Die Philister konnten das Rätsel nicht lösen und bedrängten Samsons Frau, es ihm zu entlocken, was ihr dank weiblicher List gelang. Sie verriet die Lösung an die Philister, und Samson mußte dreißig Männer erschlagen, um die Rätselschuld einzulösen. Als er vom Mordfeld zurückkehrte, ward seine Frau einem anderen Manne gegeben.
Wie gewonnen, so zerronnen. Hätte er nur die Musik von Dylan Carlson hören können. Viel Ärger wäre ihm erspart geblieben.
Dylan Carlson beim Gedenkgottesdienst für den klugen Samson,
den toten Löwen und einen Schwarm Honigbienen.