Gravetemple
“The Holy Down”
(p) 2006, Southern Lord Records

Gravetemple sind hörbarer Strom. Ein Stecker wird eingeklinkt. Eine Hand streicht über eine Gitarrensaite. Boxen brummen. Verstärker knistern. Eine Saite wird angeschlagen und schwingt. Schaukelt sich im eigenen Feedback hoch. Und schwingt. Überlagert sich, steuert auf einen sägenden Dauerton zu. Koppelt mit dem Verstärker. Baut ein endloses, nervenzehrendes Feedback auf. Und schwingt. Gnadenlos.
Viel und gern wird über böse Musik geschrieben. Musik von jenseits der Pforten des satanischen Reiches. Oder der Pforten des Bösen. Oder sonstiger Pforten, Reiche und dämonischer Welten. Die laufenden Meter okkulter Lexika, die der stolze Popredakteur für 1,99 Euro in der Wohlthat’schen Buchhandlung erworben hat, müssen sich irgendwie amortisieren. Den satanischen Dummschwall gibt es gratis.
Dies nur zur Abgrenzung Gravetemples vom ewig gleichen und faden Böse-Musik-Spiel. Denn Gravetemple haben es nicht verdient, mit solchen Floskeln in Verbindung gebracht zu werden. Die Musik von Gravetemple ist nicht böse. Sie ist pure Gewalt.
Stephen O’Malley (g), Oren Ambarchi (g, dr) und Attila Csihar (voc) wurden im Juli 2006 zu einem Konzert nach Israel eingeladen. Eine Woche vor ihrer Ankunft in Tel Aviv begann der zweite Libanonkrieg. Am 12. Juli 2006 überquerten israelische Truppen die Grenze zum Libanon; offiziell, um die beiden entführten israelischen Soldaten Eldad Regev und Ehud Goldwasser aus der Gefangenschaft der Hisbollah zu befreien. Nach 34 Tagen und über 1500 Toten — überwiegend Libanesen — zog sich die israelische Armee auf ihr Territorium zurück. Eine israelische Untersuchungskommission deckte später haarsträubende Fehler einer überforderten und dilettantischen politischen und militärischen Führung auf. Die beiden israelischen Soldaten bleiben bis heute entführt.
Soweit zur Vorgeschichte dieser Aufnahme. Die mit Wut, Haß und Gewalt aufgeladene Atmosphäre war eigentlich zu riskant, um ausgerechnet jene Musik nach Israel zu bringen, für die das Trio in ihren eigenen Bands bekannt ist: Oren Ambarchi aus John Zorns kompromisslosem Tzadik-Umfeld, Attila Csihars Black-Metal-Grunzen bei Mayhem und Steven O’Malleys meterdicke Feedbackwände bei Sunn O))), der langsamsten, zähesten und schwersten Band in der an langsamen, zähen und schweren Bands nicht armen Doom-Szene.
Die Reisewarnungen ihrer Freunde kommentierte Attila Csihar mit den Worten: “We will bring the war onto the stage.” Sie flogen nach Tel Aviv und spielten an drei Abenden. Das dritte Konzert liegt auf dieser CD vor. Es ist ein einziges, monolithisches Stück. Spieldauer: 1:00:15.
The Holy Down ist im Grunde die Fortführung der Zusammenarbeit zwischen Steven O’Malley und Attila Csihar, der 2004 auf White 2 von Sunn O))) den Track Decay2 (Nihil’s Maw) stimmakrobatisch unterlegte. Man könnte The Holy Down auch als Wiedergutmachung für das im Jahr 2006 marktschreierisch als Supergroup angepriesene, aber reichlich verkorkste Altar-Gipfeltreffen von Sunn O))) und Boris verstehen und sich daran erfreuen, daß Steven O’Malley immer noch die Kunst des Feedbacks beherrscht wie kaum ein anderer Gitarrist.
Attila Csihar hält sich erstaunlich zurück. Hörer mit leicht reizbaren Nerven müssen nicht befürchten, einem einstündigen hochfrequenten Kehlkopfkreischen ausgesetzt zu sein. Trotzdem ist The Holy Down schwerer Stoff. Die Gitarren von Steven O’Malley und Oren Ambarchi bohren, sägen und fiepen sich gnadenlos ins Hirn. In Zeitlupe und ohne örtliche Betäubung. Ein Entrinnen ist unmöglich. Vielleicht fühlt man sich ähnlich winzig und ohnmächtig, wenn man während eines Flächenbombardements im Keller eines Wohnhauses hocken muß. Man könnte glatt durchdrehen.
Diese Musik ist beklemmend. Und trotzdem großartig.
1 Kommentar ↓
cooooolllll
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